America’s Cup: Checco Bruni ist neuer Skipper von Alinghi – „Ich will das stärkste Segelteam aufbauen“
Francesco „Checco“ Bruni sprach heute vom Circolo Nautico Posillipo aus mit Journalisten – erstmals in seiner neuen Funktion als Skipper und Steuermann von Tudor Team Alinghi. Gut zehn Tage nach der Bekanntgabe seines Wechsels von Luna Rossa zum Schweizer Challenger erläuterte der Segler aus Palermo, wie seine Entscheidung zustande kam, welche ersten Eindrücke er von seiner neuen Mannschaft gewonnen hat und welche Ziele das Team auf dem Weg zum 38. America’s Cup in Neapel verfolgt. Bruni geht die Aufgabe hochmotiviert und mit einem klaren Anspruch an: „Mein Traum ist es, das stärkste Segelteam auf dem Wasser aufzubauen.“
Die Gespräche über den Wechsel begannen kurz nach den Vorregatten in Neapel. Giulio Bertelli, Vizepräsident von Luna Rossa, rief Bruni an, nachdem Alinghi-Eigner Ernesto Bertarelli zunächst die Führung des italienischen Teams kontaktiert hatte. „Man fragte mich, ob mich diese Möglichkeit interessieren könnte. Ich habe einige Tage darüber nachgedacht, denn es ging nicht einfach nur um die Wahl zwischen der Rolle als Trainer und der als Steuermann. Eine solche Entscheidung hat viele weitere Konsequenzen.“ Bruni verschweigt nicht, dass die Rückkehr an Bord einer der wichtigsten Gründe für den Wechsel war: „Die Arbeit als Trainer hat mir sehr gefallen, besonders mit den jungen Seglern. Aber diese Rolle liegt mir noch mehr.“ Entscheidend war auch der Austausch mit Bertarelli, der in Bruni einen erfahrenen Segler und eine Führungspersönlichkeit sieht, geprägt insbesondere durch die beiden letzten Cup-Kampagnen mit Luna Rossa.
Seine erste Woche in Neapel war intensiv und von zahlreichen Besprechungen geprägt, an denen auch Bertarelli teilnahm. „Es gibt sehr viel zu tun, sowohl technisch als auch im zwischenmenschlichen Bereich. Ich erlebe hier eine ausgesprochen kooperative Atmosphäre. Alle hören sich meine Vorschläge gerne an, auch in Abteilungen, die nicht unmittelbar zu meinem Aufgabenbereich gehören.“ Bruni bezeichnet die neue Aufgabe als möglicherweise wichtigste seiner Laufbahn, vor allem wegen der Verantwortung. Sein Beitrag wird sich nicht auf die Arbeit am Steuer beschränken, sondern auch sportliche, technische und organisatorische Entscheidungen umfassen. Ein weiterer Grund für seine Zusage war die Aussicht, wieder mit Pietro Sibello zusammenzuarbeiten, seinem früheren Teamkollegen bei Luna Rossa: „Das war einer der Gründe für meine Entscheidung, das gebe ich offen zu. Wieder mit Pietro zu arbeiten, bedeutet mir unglaublich viel. Ich schätze ihn außerordentlich. Er verdient viel Anerkennung und gibt der Mannschaft enorm viel.“
Während seine Rolle als Skipper feststeht, sind weder die endgültige Zusammensetzung der Segelcrew noch die Verteilung der Steuerpositionen entschieden. Bruni wird eng mit Paul Goodison zusammenarbeiten, einem Freund und hochgeschätzten Segler, der die Schweizer Kampagne wesentlich geprägt hat. „Wir werden sehr viele Entscheidungen gemeinsam treffen. Ich wurde geholt, um die Gruppe zu führen, aber die Arbeit wird gemeinschaftlich erfolgen.“ Derzeit gibt es drei Kandidaten für zwei Steuerpositionen; feste Plätze sind noch nicht vergeben. „Wir wollen eine Mannschaft aufbauen, in der jeder jederzeit an Bord gehen kann, ob rechts oder links, ohne dass die Leistung leidet. Wie so oft wird letztlich das Boot entscheiden, wer auf welcher Position am besten funktioniert.“ Dasselbe gilt für Ersatzleute: Sie müssen einspringen können, ohne die Leistung des AC75 zu beeinträchtigen.
Auf die Frage nach seinem Alter und den aufstrebenden jungen Steuerleuten antwortete Bruni mit Humor: „Natürlich reagieren Jüngere schneller. Aber wenn man Knöpfe drückt, muss man die richtigen treffen. Vielleicht erhöht eine etwas langsamere Reaktion die Chance, im richtigen Moment die richtigen Knöpfe zu drücken.“ Erfahrung bleibe aus seiner Sicht entscheidend, gerade auf so komplexen Yachten wie den AC75.
Technisch gesehen ist Alinghis AC75 nach Umbauarbeiten in Genua in Neapel eingetroffen. Im Mittelpunkt standen die Composite-Strukturen, das Schließen der zuvor von den Cyclors genutzten Cockpits sowie Änderungen an den inneren Strukturen. Die Montage und Integration der Bordsysteme müssen noch abgeschlossen werden. Ziel ist es, das Boot bis Ende November zu Wasser zu lassen und in der ersten Dezemberwoche mit dem Segeltraining zu beginnen. Bevor Bruni das Potenzial des Rumpfes beurteilt, möchte er die Yacht selbst segeln: „Von außen lassen sich die Stärken und Schwächen eines Bootes nicht vollständig beurteilen. Außerdem kann die Leistung beim letzten Cup von vielen Faktoren abgehangen haben, nicht nur vom Boot.“ Die Konfiguration für 2027 wird sich auf jeden Fall deutlich unterscheiden – mit neuen Foils, einem neuen Ruder, Segeln und Mast.
Nach den Vorregatten sieht Bruni Luna Rossa und Team New Zealand derzeit als Maßstab, hält den Ausgang aber weiterhin für offen: „Die Regatten mit den AC40 sind nur ein kleiner Teil der Vorbereitung. Wir müssen immer das bestmögliche Ergebnis anstreben. Wir dürfen nicht mit dem Gedanken starten, dass uns eine gute Platzierung genügt.“ Unweigerlich stellt sich auch die Frage nach einem direkten Match Race gegen Luna Rossa, dessen Team er über viele Jahre angehörte. „Natürlich wird es emotional etwas anderes sein als gegen andere Gegner. Aber ich glaube, ich bin erfahren genug, um mich nicht unter psychologischen Druck setzen zu lassen. Ich bin überzeugt, dass ich mich voll konzentrieren kann, ohne darüber nachzudenken, wer der Gegner ist.“ Auch das ist für Bruni, wie er mit einem Augenzwinkern anmerkt, ein Vorteil seiner langjährigen Erfahrung.
Die neue Aufgabe bedeutet zugleich den Verzicht auf andere Regattaprogramme. Bruni hat seine geplanten Einsätze für 2027 in der 52 Super Series und auf dem RC44-Circuit bereits abgesagt. Eine Ausnahme bleibt: Beim Saisonfinale der RC44 in Cartagena wird er noch einmal antreten, um sein bisheriges Team nicht unmittelbar vor der letzten Regatta zu verlassen. Danach gilt seine ganze Aufmerksamkeit dem America’s Cup.
Was die Unterstützung des italienischen Publikums betrifft, macht sich Bruni keine Illusionen: „Die Neapolitaner und die Italiener werden ganz sicher Luna Rossa die Daumen drücken. Den America’s Cup hier in Italien zu segeln, ist für alle ein Traum und auch für mich noch immer, obwohl ich jetzt zu Tudor Team Alinghi gehöre. Am meisten gefreut hat mich, wie unglaublich viele Fans und Freunde meine Entscheidung unterstützt haben. Ich habe das Gefühl, dass Alinghi nun mehr Anhänger haben wird als zuvor.“
Beim Thema Unterstützung durfte auch eine Frage nach seinem Bruder Gabriele nicht fehlen, besser bekannt als Ganga. Der erfahrene Segler trainierte das italienische olympische Nacra-17-Team, mit dem Tita und Banti zweimal Gold gewannen, und kommentiert den America’s Cup im Fernsehen. Wem wird er die Daumen drücken, wenn Tudor Team Alinghi gegen Luna Rossa antritt? Checco lächelte: „Ich habe ihn noch nicht gefragt. Aber ich hoffe doch, dass Blutsbande noch etwas bedeuten.“
Giuliano Luzzatto