Nuklearantrieb im Yachting: Innovation, Risiko und Verantwortung in Balance bringen

23/02/2026 - 09:24 in Editorial by Press Mare

Wenn über Nuklearantrieb im Yachting gesprochen wird, muss dem ingenieurtechnischen Anspruch eine angemessene rechtliche Architektur entsprechen.

Ezio Dal Maso, ein erfahrener Schifffahrtsanwalt mit Beratungstätigkeit im internationalen Shipping- und Yachtsektor, nähert sich dem Thema pragmatisch: Innovation ist möglich, jedoch nur auf Grundlage aktualisierter regulatorischer Rahmenbedingungen, klarer Haftungsübereinkommen und praktikabler Hafen­zugangsprotokolle.

Angesichts sich wandelnder geopolitischer und technologischer Rahmenbedingungen könne die juristische Debatte nicht länger auf Annahmen aus Zeiten des Kalten Krieges gestützt bleiben.

PressMare – Angesichts der strengen regulatorischen, sicherheitsrelevanten und ökologischen Anforderungen im Zusammenhang mit Nuklearantrieb: Wie lässt sich Innovation mit Risiko in Einklang bringen – sowohl für den Eigner/Nutzer als auch im Hinblick auf Reputations- oder Regulierungsrisiken für Designer und Werften?

Ezio Dal Maso – Die Einführung des Nuklearantriebs könnte Emissionen deutlich reduzieren und neue Maßstäbe für nachhaltiges Yachting setzen – allerdings nur, wenn sie von robusten und angepassten rechtlichen, regulatorischen und versicherungsrechtlichen Strukturen begleitet wird. Das derzeitige Regelungsumfeld für nuklear angetriebene Handels- und Privatfahrzeuge basiert auf einem Geflecht internationaler Übereinkommen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg. Diese Texte beruhen auf technologischen und politischen Annahmen der 1970er- und 1980er-Jahre und waren stark von der Sorge vor einer globalen nuklearen Eskalation geprägt. Zudem wollten die wenigen Staaten mit Zugang zur Technologie deren Verbreitung begrenzen, während schwere Unfälle in landgestützten Kernkraftwerken die öffentliche Meinung nachhaltig beeinflussten.

NEMO, das nukleare Superyacht-Konzept von Feadship

Die maßgeblichen Regelwerke berücksichtigen weder moderne Technologien wie kleine modulare Reaktoren (SMR) noch geben sie klare Leitlinien zu Hafen­zugang, Brennstofflogistik oder Haftungs- und Versicherungsfragen für private Einheiten.

Heute stellt sich die geopolitische und technologische Lage jedoch grundlegend anders dar. Es ist an der Zeit, die Einführung nuklearer Lösungen im Shipping und im Yachting ernsthaft zu prüfen.

Dieser Trend spiegelt sich in jüngsten Beschlüssen der International Maritime Organization wider, die eine Überarbeitung des Nuclear Ship Code von 1981 beschlossen hat – eines Regelwerks, das allgemeine Sicherheits- und Risikoakzeptanzprinzipien definiert. Dies ist ein entscheidender Moment: Die Yachting-Industrie hat nun die Möglichkeit, gemeinsam mit Regulierungsbehörden einen zielorientierten, technologieoffenen Rahmen zu gestalten, der Sicherheit, Umweltschutz und Innovation in Einklang bringt.

Für Eigner, Designer und Werften ist der Handlungsrahmen klar. Führende Klassifikationsgesellschaften stehen im Dialog mit Behörden und Flaggenstaaten, um praktikable Hafen­zugangsprotokolle zu entwickeln. So lässt sich Risiko verantwortungsvoll managen und zugleich technologischer Fortschritt ermöglichen.

Regulatorische und klassifikatorische Hürden

PM – Welche regulatorischen oder klassifikatorischen Herausforderungen müssen aus Ihrer Sicht überwunden werden, bevor Nuklearantrieb im Superyacht-Segment realistisch wird – sowohl im internationalen Seerecht als auch im Hinblick auf Klassifikationsgesellschaften? Und welche Schritte halten Sie für prioritär?

EDM – Die zentralen Herausforderungen lassen sich in drei Bereiche gliedern:

Rechtliche und regulatorische Lücken: Bestehende Übereinkommen (UNCLOS, SOLAS, MARPOL, IAEA-Standards) sind überholt und enthalten keine spezifischen Bestimmungen für neue Reaktortypen oder private Einheiten. Ein harmonisierter Rahmen für Lizenzierung, Crew-Qualifikation, Hafen­zugang oder Eignerhaftung im Schadensfall fehlt. Diese Rechtsunsicherheit hemmt Investitionen.

Das Projekt Nuclear Energy Systems von Espen Øino

Vorbereitung der Klassifikationsgesellschaften: Die meisten Gesellschaften verfügen über begrenzte Erfahrung mit nuklear angetriebenen Schiffen, da die wenigen existierenden Einheiten staatlich oder militärisch betrieben werden. Es bedarf neuer Regeln für Entwurf, Bau und Betrieb – in enger Abstimmung mit IMO und IAEA.

Versicherung und Haftung: Standardmäßige Seeversicherungen schließen Nuklearrisiken aus. Ohne klare Haftungsregelungen und geeignete Versicherungsprodukte bleiben Finanzierung und Betrieb komplex.

Um Fortschritte zu erzielen, sollte die Branche:

– aktiv an der Überarbeitung des Nuclear Ship Code durch IMO und IAEA mitwirken, damit neue Standards praktikabel und technologisch zeitgemäß sind. Die meisten maritimen Übereinkommen orientieren sich an der Handelsschifffahrt; die Yachting-Industrie muss ihre spezifischen Anforderungen einbringen, um die künftigen Anpassungen vollständig nutzen zu können.

– gemeinsam mit Klassifikationsgesellschaften nuklearfähige Regelwerke sowie Notfallprotokolle an Bord und im Hafen entwickeln.

– Exportkreditagenturen wie Bpifrance, SACE, Eksfin und UK Export Finance einbinden, die Bereitschaft signalisiert haben, fortschrittliche und nachhaltige maritime Projekte zu unterstützen. Deren Engagement kann Pilotprojekte absichern und privates Kapital mobilisieren.

– sich für spezialisierte Versicherungspools und klare Haftungsrahmen einsetzen.

Durch diese Schritte kann ein tragfähiger Pfad für den Nuklearantrieb im Yachting entstehen.


Marktnachfrage und Akzeptanz bei Eignern

PM – Wie schätzen Sie die Nachfrage von Eignern nach echten Null-Emissions- oder radikal emissionsarmen Antriebssystemen ein? Gibt es aus Ihrer Sicht Eigner, die Nuklearantrieb nicht nur aus Leistungs-, sondern auch aus Imageperspektive akzeptieren würden? Welche kommunikativen Herausforderungen erwarten Sie?

EDM – Es gibt ein wachsendes Segment von Eignern, das sich ernsthaft für Null- oder Niedrigemissionslösungen interessiert – motiviert durch Umweltverantwortung und technologische Führungsansprüche. Paradoxerweise könnte es für einen privaten Yachteigner einfacher sein, beim Nuklearantrieb eine Pionierrolle einzunehmen, als für eine große Reederei. Große Schifffahrtsunternehmen operieren in komplexen Stakeholder-Strukturen und unterliegen erheblichen Reputationsrisiken, weshalb sie neue Technologien nur bei klarer wirtschaftlicher Tragfähigkeit übernehmen.

Für Yachteigner ist die Entscheidung persönlicher Natur und kann von einer Vision von Autonomie, Reichweite und Nachhaltigkeit getragen sein. Einzelne Eigner sind unter Umständen in der Lage, ein solches Projekt eigenständig zu finanzieren, während Reedereien ohne Unterstützung durch Geschäftsbanken kaum entsprechende Investitionen tätigen würden.

Gleichwohl bleiben Wahrnehmungs- und Akzeptanzfragen zentral: öffentliche Sicherheitsbedenken, Zurückhaltung des Versicherungsmarktes sowie klare Hafen­zugangsregelungen stellen reale Herausforderungen dar.

Transparente Kommunikation ist daher entscheidend. Eigner, Designer und Werften müssen Sicherheitsmaßnahmen, regulatorische Konformität und Umweltvorteile offen darlegen. Ein frühzeitiger Dialog mit lokalen Gemeinschaften, Behörden und der Öffentlichkeit kann Vertrauen schaffen. Mit zunehmender regulatorischer Klarheit und erfolgreichen Pilotprojekten dürfte auch die Marktakzeptanz wachsen.

Filippo Ceragioli

 

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