Im Herzen der Boot Düsseldorf, der weltweit größten Indoor-Bootsmesse, wo sich jährlich Visionen und Trends der internationalen Yachtindustrie bündeln, begegneten wir Francesco Guida, dem Autor zahlreicher Projekte für einige der renommiertesten Marken des italienischen Yachtbaus.
Zwischen aufwendig inszenierten Messeständen, technologischen Innovationen und dem Drang nach immer auffälligeren Lösungen wirkt sein Ansatz beinahe gegen den Strom. Kein Streben nach Überraschungseffekten, keine überflüssige Inszenierung. Stattdessen eine klare Reflexion darüber, was ein Boot in erster Linie sein sollte: seetüchtig.
In einem Marktumfeld zwischen Inszenierung und stilistischer Experimentierfreude rückt Guida drei Schlüsselbegriffe in den Fokus: Ausgewogenheit, Funktionalität und echte Meer-Erfahrung. Das in Düsseldorf vorgestellte Projekt basiert auf einer ebenso einfachen wie radikalen Idee: Mini-Motorboote zu entwickeln, die wirklich nutzbare und geschützte Bereiche bieten, ohne sich von kurzlebigen Gadgets leiten zu lassen.
Es entstand ein offenes, teils provokantes Gespräch über mehr als nur ein einzelnes Modell: über die Bedeutung von Luxus, die Verantwortung des Designers, das Verhältnis von Form und Seetüchtigkeit sowie die Fähigkeit eines Designs, zeitlos zu bleiben.
PressMare – Francesco, beginnen wir mit der Grundidee des Projekts. Welches Konzept hat die Entwicklung dieser neuen Motoryacht-/Motorbootlinie geleitet?
Francesco Guida – Die Idee ist eigentlich sehr einfach. Heute verlangt der Markt tagsüber großzügige, gut nutzbare Bereiche – gleichzeitig aber geschützt. Center-Console-Boote sind zwar sehr verbreitet, bieten jedoch keine wirklich geschützten Zonen. Deshalb haben wir uns entschieden, zu einer klassischeren Anordnung zurückzukehren: Windschutzscheibe, Hardtop und ein gedeckter/geschlossener Bugbereich. Auch deshalb, weil bei einer sehr weit nach vorn verlegten Steuerposition der verbleibende Platz im Bug begrenzt ist: Es macht keinen Sinn, zwanghaft ein Walkaround-Konzept umzusetzen, nur um einen minimalen Sonnenbereich zu erreichen.
Diese Entscheidung hat es uns ermöglicht, sehr bewohnbare Cockpits mit mehreren funktionalen Zonen zu gestalten: Sonnenbereich, Relax-Zone, ein geschützter Essbereich, Entertainment – sogar, um sommerliche Sportereignisse zu verfolgen. Ein Layout, das darauf ausgelegt ist, das Boot wirklich zu leben.
„Seetüchtigkeit“ vor Gadgets
PM – Neben dem Layout: Welche weiteren Konstruktions- und Designpfeiler waren entscheidend?
FG – Heute sind viele vom Wettlauf getrieben, Gadgets zu integrieren: ausklappbare Terrassen, spektakuläre Lösungen … oft wenig seegängig. Wir wollten vor allem ein sehr seetüchtiges Boot bauen. Deep-V-Rumpf, keine Stufen (Steps/Redans) – die viele einbauen, ohne wirklich zu wissen, warum. Ein monoedrischer Rumpf mit 22 Grad Deadrise am Heck: ein ernsthafter, gut abgestimmter Rumpf, der für das Fahren gemacht ist.
Aber Seetüchtigkeit bedeutet auch technische Zugänglichkeit: großzügige Maschinenräume, einfache Wartung, Pumpen und Generatoren gut inspizierbar. Ein seetüchtiges Boot ist nicht nur, wie es fährt, sondern auch, wie es sich warten lässt. Das Ganze mit einem modernen, aber klaren Look – ohne Modeerscheinungen hinterherzulaufen. Die Ausgewogenheit der Formen ist mehr wert als ungewöhnliche Verglasungen oder Special Effects.
„Wer zur See fährt, entwirft anders“
PM – Wie häufig muss sich eine anfängliche Idee verändern, um wirklich baubar zu werden?
FG – Ich habe 39 Jahre Berufserfahrung. Ich komme aus einer Familie mit Booten, ich habe mein Leben auf See verbracht. Für mich ist der Prozess unmittelbar: Ich kann keine Form zeichnen, ohne daran zu denken, wie das Wasser abläuft, wie man an Bord lebt, was beim Ankern passiert, wenn ein wenig Seegang steht.
Ich sehe viele Boote, die wunderschön sind – aber „fantasievoll“. Offensichtlich von Menschen entworfen, die noch nie einen Mooring-Bojen-Körper vom Bug aus aufgenommen haben oder nie gehört haben, wie Wellen unter einer zu langen Badeplattform schlagen. Meine Badeplattformen sind kurz, der Rumpf reicht weit nach achtern. Aus Erfahrung: Ich hatte Boote, die vor Anker ein unerträgliches Geräusch erzeugten – wegen falscher Entscheidungen. Reale Erfahrung auf See verändert alles.
„Luxus bedeutet nicht, zu erscheinen – sondern das Leben zu genießen“
PM – Ist der wahre Luxus einer Yacht heute Image – oder die Qualität des Erlebens an Bord?
FG – Es gibt zwei Vorstellungen von Luxus. Die des „Erscheinens“, sehr verbunden mit den Neureichen. Und die des Genießens. Für mich bedeutet Luxus, ein Objekt zu besitzen, das dir persönliche Zufriedenheit gibt – nicht eines, das anderen etwas beweisen soll.
An Bord ist Luxus echter Raum, realer Komfort, keine unnützen Ornamente, die Nutzbarkeit wegnehmen. Schlichte, saubere Linien. Authentischer Komfort. Das ist Luxus.
„Ein Projekt muss zeitlos sein“
PM – Denken Sie beim Entwerfen schon daran, wie eine Yacht in 10 oder 20 Jahren wirkt?
FG – Absolut. Es gibt zwei Wege: Entweder man macht etwas, um heute zu überraschen – oder man macht etwas, das besteht. Damit etwas besteht, braucht es Ausgewogenheit der Formen. Wenn ein Objekt überzeichnet ist, zu „geladen“, wirkt es sofort datiert. Wenn es hingegen wenige klare Linien und harmonische Proportionen hat, wird es zeitlos.
Ein Magnum von 1986 ist heute noch wunderschön. Weil er schlicht und ausgewogen ist. Andere Boote, sehr aufwendig gestaltet, erkennt man sofort als Kinder einer Epoche. Schlichtheit ist das, was ein Projekt „ewig“ macht.
„Gegen den Strom? Vielleicht. Aber das Meer lügt nicht.“
PM – Fühlen Sie sich gegenüber manchen Markttrends gegen den Strom?
FG – Wahrscheinlich ja. Aber manchmal zahlt es sich aus, gegen den Strom zu schwimmen. Das Meer lügt nicht. Wenn ein Boot funktioniert, funktioniert es immer. Wenn es nur Erscheinung ist, sieht man es früher oder später.
Filippo Ceragioli