Mit der neuen maritimen Industriestrategie, die am 4. März 2026 in Brüssel vorgestellt wurde, rückt die EU das Meer wieder in den Mittelpunkt ihrer Industriepolitik. Schiffbau, Shipping, Häfen und Freizeitschifffahrt werden als strategische Assets für Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Energiewende anerkannt und eröffnen eine neue Phase für die gesamte europäische maritime Wertschöpfungskette.
Erstmals seit vielen Jahren kehrt das Meer mit Nachdruck auf die industrielle Agenda Europas zurück. Mit der neuen maritimen Industriestrategie (Brüssel, 4. März 2026) erkennt die Europäische Kommission ausdrücklich an, dass Schiffbau, Shipping, Häfen, Marinas und nautischer Tourismus nicht nur ein Segment von Industrie oder Dienstleistungen darstellen, sondern ein strategisches Asset für die industrielle Autonomie der Union, für die Sicherheit ihrer Energie- und digitalen Infrastrukturen sowie für den Übergang zu emissionsfreien Transportlösungen sind. In dem Dokument zeichnet Brüssel einen klaren Kurs vor: die europäischen Kapazitäten zum Bau, zur Reparatur und zur Umrüstung von Schiffen und Booten im eigenen Wirtschaftsraum zu schützen und zu stärken, die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Reeder in einem zunehmend angespannten globalen Umfeld zu sichern und Innovation, Digitalisierung sowie Dekarbonisierung als Hebel zur Weiterentwicklung des gesamten maritimen Ökosystems zu nutzen.
Im Zentrum der Strategie steht die Erkenntnis, dass Europa weiterhin weltweit führend im Bau komplexer Einheiten ist – von großen Kreuzfahrtschiffen über Spezialschiffe für die Offshore-Energie, Forschungsschiffe und Kabelverlegeschiffe bis hin zu Yachten und Freizeitbooten – zugleich jedoch in anderen Segmenten, insbesondere im Güterverkehr und bei großen Fähren, an Boden verloren hat. Vor diesem Hintergrund schlägt die Kommission vor, die Anstrengungen gezielt auf „Lead Markets“ mit hoher Wertschöpfung zu konzentrieren, in denen europäisches Know-how weiterhin einen Wettbewerbsvorteil darstellt und starke industrielle Wertschöpfungsketten entstehen können. Gleichzeitig richtet die Strategie den Blick auf unlautere Wettbewerbspraktiken bestimmter Drittstaaten, auf Risiken industrieller Abhängigkeiten und auf die Notwendigkeit, in Europa eine kritische Masse an Kompetenzen, Produktionskapazitäten und Lieferketten zu erhalten – auch mit Blick auf duale zivile und militärische Anwendungen.
Das Dokument gliedert sich in sechs zentrale Handlungsfelder, die das gesamte Spektrum des maritimen Systems abdecken: vom Bau, der Ausrüstung und der Instandhaltung von Schiffen über die Stärkung des Seeverkehrs als strategische Infrastruktur für Handel und territoriale Kohäsion; vom Schutz von Seewegen und kritischen Infrastrukturen bis zur Förderung von Innovation, mit Programmen für „Werften der Zukunft“ und Testfelder für neue Technologien; bis hin zu arbeitsmarkt- und qualifikationsbezogenen Themen, insbesondere der Überalterung der Belegschaften und dem Bedarf an neuen Kompetenzen. Parallel dazu bereitet Brüssel eine weitere spezifische Initiative für Häfen vor und erkennt dabei sowohl die Rolle großer kommerzieller Hubs als auch die Bedeutung von Marinas und Yachthäfen in der energetischen und logistischen Transformation an.
Für die europäische maritime Wertschöpfungskette – und insbesondere für die italienische – kann diese neue Strategie den Beginn einer neuen Phase markieren. Einerseits wird klar festgehalten, dass Schiffbau und Shipping keine „reifen“ Industrien sind, die allein aus Kostengründen aus Europa verdrängt werden sollten, sondern Sektoren, in die aus wirtschaftlichen, technologischen und sicherheitspolitischen Gründen gezielt investiert werden muss. Andererseits eröffnet die Strategie eine Reihe konkreter Handlungsfelder: vom Einsatz öffentlicher Beschaffung zur Förderung sauberer und digitaler „Made in EU“-Schiffe über die Schaffung einer europäischen Allianz maritimer Wertschöpfungsketten bis hin zur Überarbeitung handelspolitischer Instrumente zur Bekämpfung von Dumping und Marktverzerrungen. Nun liegt es an den Akteuren – Werften, Reedern, Zulieferern, Häfen und nautischen Clustern –, diese Leitlinien in konkrete Projekte, Investitionen und Chancen entlang aller europäischen Küsten und im Mittelmeerraum zu übersetzen.
Filippo Ceragioli