Während des von Smart Interiors Horizon organisierten Panels auf der SEAQUIP Milano 2026 wurde das Thema Nachhaltigkeit aus einer anderen Perspektive betrachtet: weniger Schlagworte, mehr Verantwortung im Design.
Wir haben diesen Ansatz mit dem Designer Michele Dragoni, Gründer von Dragoni Design Lab, vertieft, der eine konkrete und technische Sicht auf die Rolle des Designers bei bewussteren Entscheidungen in Bezug auf Materialien, Prozesse und die Zusammenarbeit mit den Akteuren der Yachting-Branche teilte.
PressMare – Wie viel Einfluss hat der Designer heute, um die Werft zu nachhaltigeren Lösungen zu führen?
Michele Dragoni – Das hängt stark vom Kontext ab. Wenn der Designer direkt für den Eigner arbeitet, ist der Handlungsspielraum größer. Man hat mehr Kontrolle und kann eine kohärente Designvision verfolgen.
Wenn hingegen die Werft der Auftraggeber ist, ändern sich die Dynamiken. Manche Werften sind offener, andere weniger flexibel. Die Gefahr besteht darin, dass das Projekt Stück für Stück „zerlegt“ wird und an Kohärenz verliert. Und wenn ein Projekt seine Kohärenz verliert, verliert es oft auch seine Nachhaltigkeitslogik.
PM – Wie stark kann der Designer dieses Bewusstsein beeinflussen?
MD – Sehr stark, vor allem wenn die Werft bereit ist zuzuhören. Dann entsteht ein positiver Kreislauf.
Ein Projekt, das den Materialien gerecht wird, reduziert Abfall, vereinfacht die Verarbeitung und verbessert die Haltbarkeit – mit Auswirkungen nicht nur auf die Ästhetik, sondern vor allem auf die reale Effizienz.
Probleme entstehen, wenn es an Designkultur oder an der Fähigkeit fehlt, Entscheidungen technisch zu untermauern. Einige Studios bringen Ideen ein, ohne sie technisch zu stützen, was Misstrauen bei den Werften erzeugt.
Wenn der Designer hingegen als Partner wahrgenommen wird, verändert sich die Zusammenarbeit grundlegend.
PM – Haben Sie ein konkretes Beispiel?
MD – Ja, bei einer 35-Meter-Yacht haben wir eine Treppenwand mit Lederverkleidung und integriertem Handlauf entworfen.
Das Problem war offensichtlich: Ein vollständig aus Leder gefertigter Handlauf, insbesondere in stark beanspruchten Bereichen, würde sich schnell abnutzen und wäre aufwendig in der Herstellung.
Die Lösung bestand darin, Leder optisch durch eine lackierte Oberfläche zu ersetzen, die denselben visuellen und haptischen Effekt in Bezug auf Farbe und Glanzgrad bietet.
Das Ergebnis: weniger Materialeinsatz, einfachere Fertigung und höhere Langlebigkeit bei gleichbleibender Ästhetik.
PM – Was sind die häufigsten Fehler bei der Materialwahl?
MD – Der wichtigste ist, das Material nicht zu respektieren – sowohl hinsichtlich seines ökologischen Wertes als auch seiner Eigenschaften und Grenzen.
Wenn man einen seltenen Stein verwendet, sollte man ihn nicht gleichmäßig einsetzen, bis er banal wirkt. Er sollte hervorgehoben werden.
Das gilt auch für Leder: Wenn es nicht sichtbar oder wahrnehmbar ist, verliert es an Bedeutung.
Ein weiterer Fehler ist, den realen Gebrauch nicht zu berücksichtigen. Helle Lederhandläufe, poröse Marmore in Arbeitsbereichen, empfindliche Holzoberflächen in direkter Sonneneinstrahlung – das führt zu schneller Abnutzung und häufigem Austausch.
Das ist letztlich das Gegenteil von Nachhaltigkeit.
PM – Wie gehen Sie mit Eignern um, die weniger funktionale Lösungen bevorzugen?
MD – Das hängt von der Person ab.
Erfahrene Eigner verstehen es oft sofort. Es reicht zu erklären, dass bestimmte Entscheidungen das Leben an Bord erschweren und die Arbeit der Crew erhöhen, was sich negativ auf den Service auswirkt.
Wenn das nicht ausreicht, versuche ich, den Kapitän einzubeziehen, da er durch seine tägliche Erfahrung an Bord eine hohe Glaubwürdigkeit hat.
Am Ende ist das wirksamste Argument immer ein praktisches: zu zeigen, wie sich eine Designentscheidung direkt auf die Qualität des Bordlebens auswirkt.
PM – Gibt es Unterschiede zwischen jüngeren und erfahreneren Eignern?
MD – Weniger in Bezug auf Vertrauen, eher in der Erfahrung. Wer bereits mehrere Yachten besessen hat, weiß, was funktioniert und was nicht.
Vertrauen ist jedoch unabhängig vom Alter – es kann sowohl bei jüngeren als auch bei erfahrenen Eignern fehlen.
PM – Wie schwierig ist es heute, mit wirklich nachhaltigen Materialien zu arbeiten?
MD – Die größte Herausforderung besteht darin, zu verstehen, was tatsächlich nachhaltig ist. Die Informationen sind oft unklar. Materialien, die als nachhaltig präsentiert werden, haben häufig keine objektive Bewertung.
Es bräuchte ein unabhängiges System, eine Datenbank, die Materialien über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg analysiert.
Ohne ein solches System müssen Designer selbst recherchieren – oft ohne ausreichend Zeit.
PM – Gibt es konkrete Beispiele für nachhaltige Innovationen im Yachting?
MD – Ja, ein interessantes Beispiel ist die Wasserproduktion an Bord. Wir arbeiten an einer Technologie, die Luftfeuchtigkeit in Trinkwasser umwandelt.
Das reduziert den Einsatz von Entsalzungsanlagen, die wartungsintensiv sind und einen erheblichen Umwelteinfluss haben.
Es ist ein klares Beispiel dafür, wie aus einer praktischen Anforderung ein ökologischer Nutzen entstehen kann.
Nachhaltigkeit bedeutet auch Verantwortung. Bewusstes Design respektiert Materialien und vereinfacht Prozesse – und verbessert damit die Lebensqualität an Bord.
Genau hier kann der Designer den Unterschied machen.
Rebecca Gabbi