Ferretti: Weichai gegen KKCG – Industrievision und Zukunft der Yachting-Industrie

05/05/2026 - 10:39 in Editorial by Press Mare

Nur noch wenige Tage bis zum 14. Mai – und rund um die Ferretti Group herrscht eine Atmosphäre, die wenig mit der entspannten Stimmung einer Sommerregatta zu tun hat. Diesmal geht es um weit mehr: Wer verliert, gibt nicht einfach eine Trophäe ab, sondern riskiert die Kontrolle über einen der wichtigsten Akteure der globalen Yachtindustrie. Im Jahr 2025 erzielte der Konzern einen Umsatz von 1,23 Milliarden Euro, ein EBITDA von 202,8 Millionen Euro und einen Nettogewinn von 90,1 Millionen Euro (+2,2%), bei einem Auftragsbestand von rund 1,7 Milliarden Euro. Das Wachstum gegenüber 2024 war moderat, doch im Kontext eines in Teilen stagnierenden Marktes zeigen diese Zahlen ein solides Unternehmen.

Mit der bevorstehenden Hauptversammlung zur Erneuerung des Verwaltungsrats ist aus einer lange rein finanziellen Auseinandersetzung – Weichai mit rund 37–39%, KKCG Maritime mit über 23% – ein offener, öffentlicher Schlagabtausch geworden. Interviews, Stellungnahmen und gegensätzliche Positionen haben die Diskussion aus dem Hintergrund ins Rampenlicht gerückt. Es geht längst nicht mehr nur um Beteiligungen. Es geht um die zukünftige Ausrichtung des Konzerns.

Karel Komárek, Gründer von KKCG Maritime, beschreibt eine Strategie, die auf Wachstum entlang der gesamten Wertschöpfungskette abzielt: gezielte Akquisitionen in Dienstleistungen, Integration der Supply Chain sowie mögliche Konsolidierung unter Werften und Marken. Skalierung und Wettbewerbsfähigkeit stehen im Mittelpunkt, ebenso wie eine stärkere Ausrichtung auf den Verteidigungssektor – ein Bereich, der angesichts geopolitischer Spannungen und steigender Militärbudgets zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Weichai hingegen bewertet die jüngsten Entwicklungen kritischer. Aus Sicht des chinesischen Mehrheitsaktionärs ist das organische Wachstum unzureichend, die internationale Expansion hinter den Erwartungen geblieben und die Profitabilität ausbaufähig. Daraus leitet sich eine klare Schlussfolgerung ab: ein Führungswechsel sei notwendig, um eine neue Phase einzuleiten.

In diesem Kontext hat CEO Alberto Galassi eine klare Position bezogen. Seit 2014 im Amt, hat er sich offen hinter die Linie von KKCG gestellt und Weichai eine fehlende industrielle Vision sowie eine Verlangsamung der Entscheidungsprozesse vorgeworfen. Seine Prioritäten sind eindeutig: M&A, ein aktiverer Einsatz finanzieller Instrumente und die Wiederbelebung der Security-&-Defence-Sparte. Seine Aussagen wirken weniger wie eine Verteidigung, sondern vielmehr wie ein strategisches Programm. Die Governance ist damit zum eigentlichen Schlachtfeld geworden. KKCG setzt auf Kontinuität kombiniert mit mehr Dynamik, während Weichai auf einen Bruch mit der bisherigen Führung und eine Neuausrichtung setzt.

Über den unmittelbaren Konflikt hinaus gibt es jedoch einen größeren Rahmen, der nicht außer Acht gelassen werden darf. Die italienische Yachting-Industrie ist kein gewöhnlicher Industriezweig. Sie ist ein Sektor, in dem Ingenieurskunst, Fertigung und Design zu einem Modell verschmelzen, das weltweit Anerkennung findet. Ferretti ist Teil dieses Systems – nicht nur als Marke, sondern als Ausdruck eines gesamten industriellen Ökosystems, das auf spezialisierten Zulieferern, technischem Know-how und einem Gleichgewicht zwischen Handwerk und Innovation basiert.

Auch der regionale Kontext bestätigt diese Stärke. Die Emilia-Romagna, in der Ferretti seinen Sitz in Forlì hat, gehört zu den wichtigsten Produktionszentren der Branche. Im Jahr 2025 überstiegen die Exporte des regionalen Freizeitschiffbaus 800 Millionen Euro, bei 287 Unternehmen und über 3.600 Beschäftigten, die zusammen einen Umsatz von rund 1,6 Milliarden Euro erwirtschaften. Das sind keine Anzeichen einer Krise, sondern eines funktionierenden und wettbewerbsfähigen Systems.

Aus diesem Grund geht es am 14. Mai um mehr als die Ernennung eines neuen Verwaltungsrats. Es geht darum, welche industrielle Vision sich durchsetzt: eine, die auf Expansion, Konsolidierung und die Aktivierung finanzieller und strategischer Hebel setzt, oder eine, die auf Neubewertung und einen anderen Führungsansatz ausgerichtet ist. Zwei unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein Unternehmen in einem komplexen Sektor wie dem Yachting geführt werden sollte.

Investoren, Betreiber und Zulieferer verfolgen die Entwicklung aufmerksam. Doch diesmal geht es um mehr als das Ergebnis der Abstimmung. Es geht auch um die Frage, wie einer der wenigen Industriezweige, in denen Italien weltweit eine führende Rolle spielt, erhalten und weiterentwickelt werden kann.

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