Es gibt einen Satz in den Präsentationsfolien von Professor Flavio Manenti vom Politecnico di Milano, die während der Sardinia Boat Show gezeigt wurden, der die Tragweite des Projekts in Gallura gut zusammenfasst: „Vom Abfall zur Ressource“. Eine Formel, die mittlerweile häufig im Zusammenhang mit Kreislaufwirtschaft verwendet wird, in diesem Fall jedoch eine sehr konkrete Bedeutung annimmt. Denn die Idee, an der CIPNES Gallura - Consorzio Industriale Provinciale Nord Est Sardegna, also die öffentliche Einrichtung, die das Industriegebiet der Gallura und verschiedene strategische Infrastrukturen der Region verwaltet und entwickelt - gemeinsam mit der Stadt Olbia, dem Politecnico di Milano und der Sanlorenzo Group – einem der wichtigsten internationalen Akteure im Yachtbau - arbeitet, besteht tatsächlich darin, die in der Region anfallenden organischen Abfälle in Kraftstoff für die Nautik umzuwandeln. Dabei geht es nicht nur um Abfallmanagement oder Energieerzeugung. Das Projekt zielt zumindest nach den Vorstellungen seiner Initiatoren darauf ab, eine vollständige industrielle Wertschöpfungskette aufzubauen: Sammlung von OFMSW - Organic Fraction of Municipal Solid Waste, also der biologisch abbaubare Anteil des Hausmülls aus der getrennten Bioabfallsammlung - anaerobe Vergärung - ein biologischer Prozess, bei dem Mikroorganismen und Bakterien organische Stoffe unter Sauerstoffausschluss abbauen und dabei hauptsächlich Biogas erzeugen. Durch einen Reinigungsprozess, das sogenannte Upgrading, wird das Biogas zu Biomethan veredelt, einem erneuerbaren Gas mit Eigenschaften, die fossilem Methan sehr ähnlich sind. Die zweite Phase ist der innovativste Teil des Projekts: Das Biomethan wird nicht nur direkt als Energiegas genutzt, sondern in Biomethanol umgewandelt, einen flüssigen Kraftstoff, der auch in der Nautik und im Schifffahrtssektor eingesetzt werden kann. Schließlich erfolgt in der letzten Phase die Verteilung als Kraftstoff für die Nautik. Kurz gesagt handelt es sich um einen Prozess, der das urbane System, den Energiesektor und die maritime Industrie innerhalb desselben Gebiets miteinander verbindet.
In den von Manenti präsentierten Unterlagen ist von speziellen Katalysatoren, modularen Anlagen, patentierten Prozessen und proprietärem Know-how die Rede. Das Forschungsteam des Politecnico di Milano erklärt, bereits mehrere durch europäische Patente geschützte Technologien entwickelt und operative Erfahrungen mit Pilotanlagen gesammelt zu haben, die seit 2022 in Betrieb sind.
Biomethanol ist ein erneuerbarer und biologisch abbaubarer Kraftstoff, der durch biogene CO₂-Emissionen gekennzeichnet ist und daher theoretisch als klimaneutral gilt. Dies deshalb, weil das bei der Nutzung des Kraftstoffs freigesetzte CO₂ aus Kohlenstoff stammt, der bereits im natürlichen biologischen Kreislauf vorhanden war. Theoretisch wird also kein „neuer“ fossiler Kohlenstoff in die Atmosphäre eingebracht, sondern bereits im organischen Kreislauf vorhandener Kohlenstoff wieder in Umlauf gebracht. Aus diesem Grund gilt Biomethanol allgemein als klimaneutral oder zumindest als weniger belastend als fossile Emissionen.
In der technischen Dokumentation werden noch weitere Aspekte hervorgehoben: Biomethanol gilt auch deshalb als interessant, weil es praktisch keinen Schwefel enthält, wodurch keine SOx-Emissionen entstehen und eine sauberere Verbrennung mit geringeren Partikel- und Rußemissionen möglich wird. Darüber hinaus kann es sowohl in Verbrennungsmotoren als auch in Brennstoffzellen eingesetzt werden. Natürlich besteht zwischen Theorie und industrieller Anwendung noch ein erheblicher Abstand. Das sardische Projekt befindet sich zwar beim Biodigester bereits in der Umsetzungsphase, die Biomethanol-Wertschöpfungskette hingegen noch in einem frühen Entwicklungsstadium.
Die angenommenen Mengen vermitteln jedoch bereits einen Eindruck von der industriellen Größenordnung, die den Projektinitiatoren vorschwebt. Die anfängliche Produktionskapazität für Biomethanol soll zwischen 3.000 und 6.000 Tonnen pro Jahr liegen, mit einem Potenzial von mehr als 30.000 Tonnen. Noch vor dem Biomethanol selbst steht jedoch das Thema Biodigester und dessen Auswirkungen auf das Gebiet. Die Anlage in Spiritu Santu wird jährlich rund 40.000 Tonnen organischer Stoffe verarbeiten: 20.000 Tonnen OFMSW, 5.000 Tonnen Grünabfälle und 15.000 Tonnen tierische Nebenprodukte. Die Abfälle stammen aus den Gemeinden Olbia, Arzachena, Budoni, Golfo Aranci, Loiri Porto San Paolo, San Teodoro und weiteren Orten der Gallura. In den Sommermonaten, wenn die touristische Belastung deutlich zunimmt, kann die Anlage bis zu 150–160 Tonnen pro Tag verarbeiten.
Besonders interessant ist jedoch die erwartete Energieproduktion. Nach Schätzungen von CIPNES soll der Biodigester etwa 3 bis 3,5 Millionen Kubikmeter Biomethan pro Jahr erzeugen. Eine Menge, die mehr als 40 % über dem aktuellen Verbrauch des Gasnetzes von Olbia liegt, das heute die einzige mit Methan versorgte Stadt Sardiniens ist.
Der Energieüberschuss soll dem konsortialen Industriegebiet zugeführt werden, mit dem Ziel, das Industriegebiet von Olbia zu einem der ersten europäischen Industriecluster zu machen, die mit erneuerbarer Energie aus lokalen Abfällen versorgt werden. Das Projekt umfasst außerdem die Modernisierung der bestehenden Kompostierungsanlage, die von der Region Sardinien finanziert wird, um sie an die europäischen BAT – Best Available Techniques – anzupassen. Ziel ist es, Geruchsemissionen drastisch zu reduzieren und den organischen Behandlungskreislauf in einem möglichst integrierten System zu schließen.
All dies ist Teil einer umfassenderen Strategie, die Sardinien im Energie- und Industriebereich verfolgt. In den während der Sardinia Boat Show präsentierten Unterlagen wird die Rolle der Region als mögliche treibende Kraft der „nautischen Transformation“ beschrieben. Eine bewusst starke Definition, die jedoch den Versuch widerspiegelt, die Insel in ein Labor für nachhaltige Blue-Economy-Anwendungen zu verwandeln.
Ausgangspunkt ist also Spiritu Santu vor den Toren Olbias, wo der Biodigester von CIPNES Gallura entsteht. Die Anlage, die durch Mittel aus dem PNRR und weitere öffentliche Fördermaßnahmen finanziert wird, soll bis 2026 in Betrieb gehen. Rund um diese Infrastruktur entwickelt sich jedoch etwas Größeres als eine herkömmliche Anlage zur Behandlung organischer Abfälle.
Die Gallura stellt schließlich ein besonderes Gebiet dar: geprägt von starker touristischer Saisonalität, einer hohen Dichte an Yachthäfen sowie einer stetig wachsenden Präsenz von Yachten und Superyachten. Laut den während der Sardinia Boat Show präsentierten Daten wurden 2025 insgesamt 3.114 unterschiedliche Boote – darunter Super-, Mega- und Gigayachten, identifiziert über ihre AIS-Codes – in den Gewässern der Gallura registriert. Die Zahl liegt um 425 Einheiten beziehungsweise rund 16 % über dem Vergleichszeitraum 2024. In diesem Kontext erhält das Projekt eine andere Dimension. Denn das Ziel besteht nicht nur darin, Biomethan in das städtische Gasnetz einzuspeisen, sondern dieses Biomethan als Grundlage für die Herstellung von Biomethanol auch für die Nautik zu nutzen.
Methanol ist in den vergangenen Jahren zunehmend in den Mittelpunkt der internationalen Debatte über die Dekarbonisierung von Schifffahrt und Yachting gerückt. Verschiedene Industrieunternehmen betrachten diesen Kraftstoff als mögliche Alternative zu traditionellen Treibstoffen, insbesondere aufgrund der vergleichsweise einfachen Lagerung im Vergleich zu anderen potenziellen Energiequellen wie Wasserstoff. Auch im Bereich der Superyachten wächst das Interesse, sowohl im Hinblick auf Brennstoffzellen als auch auf Bi-Fuel-Antriebskonzepte. Es ist daher kein Zufall, dass die Sanlorenzo Group zu den Projektpartnern gehört. Das Unternehmen beschäftigt sich seit längerem mit alternativen Antriebssystemen und hat bereits die Einführung von Bi-Fuel-Yachten ab 2027 angekündigt.
Derzeit hängen viele der skizzierten Perspektiven natürlich noch davon ab, ob es gelingt, ein technologisch fortschrittliches Konzept in eine tatsächlich operative industrielle Wertschöpfungskette umzuwandeln. Doch gerade die Tatsache, dass dieses Thema von einem Gebiet mit einer so starken nautischen Ausrichtung wie der Gallura ausgeht, macht den Fall auch für die Yachting-Industrie besonders interessant. Denn hier wird die Energiewende nicht nur als theoretische Übung oder abstrakte Industriestrategie beschrieben. Die Idee besteht vielmehr ganz konkret darin, die von Städten, Häfen, Tourismus und Nautik erzeugten Abfälle in Form von Energie wieder in dasselbe wirtschaftliche Ökosystem zurückzuführen, das sie hervorgebracht hat.
Nicht zuletzt ist hervorzuheben, dass das Thema Biomethanol auf der jüngsten fünften Ausgabe der Sardinia Boat Show nicht nur auf theoretischer oder akademischer Ebene diskutiert wurde. Unter den Ausstellern befand sich auch Dimsport, ein piemontesisches Unternehmen der Deregibus-Gruppe, das traditionell in der Entwicklung elektronischer Systeme und Motorlösungen tätig ist. Das Unternehmen hat bereits kleine biomethanolbetriebene Generatoren für die Freizeitschifffahrt entwickelt und bereitet offenbar Kooperationen mit Motorenherstellern sowie Yacht- und Schiffswerften vor. Das Thema fügt sich in die umfassendere Forschungsarbeit der Gruppe zu alternativen Kraftstoffen und Multi-Fuel-Anwendungen ein. Ein Signal dafür, dass sich rund um Biomethanol – zumindest in einigen Bereichen der Nautik und der maritimen Komponentenindustrie – bereits eine technologische Lieferkette entwickelt, die über traditionelle Kraftstoffe hinausblickt.