In der Yachtbranche bedeutet es heute, über Nachhaltigkeit zu sprechen, weit über Materialien und Antriebssysteme hinauszugehen. Es bedeutet, das Konzept des Erlebnisses an Bord, den Lebenszyklus von Yachten und die kulturelle Rolle des Designs bei der Definition eines „neuen Luxus“ neu zu denken. Aus dieser Perspektive beteiligte sich Filippo Ceragioli, Professor an der International University of Monaco und Gründer von Ceragioli-Storåkers, an der von Smart Interior Horizon moderierten Diskussionsrunde während des Blue Design Summit in La Spezia am 19. Mai. In diesem Interview mit PressMare reflektiert Ceragioli über die Entwicklung des Yachtsports im Spannungsfeld von Kreislaufwirtschaft, Refit, User Experience und regenerativen Modellen, die die Zukunft der maritimen Industrie prägen werden.
PressMare - Während des Panels haben Sie über die eigentlichen Treiber von Innovationen in der Yachtbranche gesprochen. Woher kommt der Wandel heute?
Filippo Ceragioli: Innovation entsteht selten aus nur einem Faktor. Historisch gesehen haben wir große Beschleunigungen erlebt, die durch Krisen ausgelöst wurden, wie etwa die Coronavirus-Pandemie, die zahlreiche Verhaltensweisen und Prozesse verändert hat. Dann gibt es Innovationen, die durch persönliche Visionen vorangetrieben werden, was jedoch deutlich seltener vorkommt. Schließlich spielen auch regulatorische und finanzielle Impulse eine Rolle.
Heute ist Green Finance sicherlich einer der stärksten Treiber. Europäische und internationale Regulierungsbehörden arbeiten daran, Instrumente zu schaffen, mit denen Nachhaltigkeit messbar wird. Das ist von grundlegender Bedeutung, weil dadurch Benchmarks, Kriterien und Bewertungssysteme entstehen, die zeigen, ob eine Yacht tatsächlich bestimmte Standards erfüllt.
PM - Wird die Messbarkeit damit zum zentralen Thema?
FC - Absolut. Instrumente wie der Sea Index oder YETI gehen genau in diese Richtung. Ziel ist es, Systeme zu schaffen, die die tatsächlichen betrieblichen Auswirkungen einer Yacht bewerten können. Interessant ist, dass die Yachtbranche nun endlich Ansätze übernimmt, die im kommerziellen Schiffsverkehr und in der Handelsschifffahrt schon lange angewendet werden. Natürlich unterscheidet sich eine Yacht grundlegend von einem Kreuzfahrtschiff oder einem Tanker, weshalb spezifische Kennzahlen für diesen Sektor erforderlich sind.
PM - Ist es also korrekt, von einer „nachhaltigen Yacht“ zu sprechen?
FC - Das ist eine komplexe Definition. Zu behaupten, eine Yacht sei vollständig nachhaltig, ist schwierig. Sie kann jedoch technische, gestalterische und operative Lösungen integrieren, die ihre Auswirkungen erheblich reduzieren. Meiner Meinung nach ist der Begriff der Reputation entscheidend. Eine Yacht kann zu einem Objekt mit hoher Reputation werden, weil sie intelligente Kriterien in Design, Nutzung und Management vereint.
PM - Während des Panels wurde auch das Thema Kommunikation angesprochen. Viele Unternehmen treffen bereits nachhaltige Entscheidungen, kommunizieren diese aber häufig nicht.
FC - Genau, und das ist ein sehr interessantes Thema. Es gibt unzählige Materialien, Produkte und Lösungen, die ausgewählt werden, weil sie schön, leistungsfähig oder hochwertig sind und gleichzeitig nachhaltig. Dieser Aspekt wird jedoch oft nicht kommuniziert. Ich denke, ein wichtiger Teil der heutigen Arbeit besteht darin, die verschiedenen Facetten einer Designentscheidung sichtbar zu machen, denn nachhaltiger Wert ist oft bereits vorhanden, bleibt jedoch zu häufig unsichtbar.
PM - Sie haben auch betont, dass Kompensationslogiken nicht mehr ausreichen.
FC - Ja, denn es gibt Umweltschäden, die sich nicht einfach kompensieren lassen. Denken wir an Plastik in den Ozeanen: Säuberungsaktionen sind wichtig, beseitigen aber nicht die Ursachen des Problems. Deshalb wird heute immer häufiger über regenerative Modelle gesprochen. Ziel ist nicht nur die Verringerung von Schäden, sondern die Schaffung von Systemen, die direkt oder indirekt zur Regeneration der Meeresumwelt beitragen können.
PM - Welche konkreten Beispiele zeigen diese Entwicklung bereits heute?
FC - Einer der interessantesten Aspekte betrifft die Lebensdauer von Yachten. Betrachtet man die Geschichte von Yachten über 24 Meter, stellt man fest, dass nur sehr wenige tatsächlich verschrottet werden. Rumpf und Struktur besitzen in der Regel eine sehr lange Lebensdauer. Aus diesem Grund wird die Zukunft stark mit Refit- und nachhaltigen Modernisierungsmaßnahmen verbunden sein, insbesondere im Bereich Antrieb und Technik. Komplexer wird die Herausforderung bei den Innenräumen, da hier die Vorlieben der Kunden und ästhetische Trends eine wichtige Rolle spielen.
PM - Und wie werden sich die Innenräume Ihrer Meinung nach verändern?
FC - Ich glaube, dass die jüngeren Generationen mehr Wert auf Langlebigkeit und Kreislauffähigkeit von Materialien legen werden. Beispielsweise wird man sich zunehmend von einem vollständigen Austausch der Innenausstattung entfernen und stattdessen auf Wiederverwendung durch Anpassung und Transformation setzen. In diesem Zusammenhang wird Design eine enorme kulturelle Rolle spielen. Designer werden dem Markt helfen zu verstehen, was das „neue Schöne“ sein kann.
PM - Verändert sich damit auch der Luxusbegriff?
FC - Ja, und zwar grundlegend. Es entsteht eine Ästhetik der Beständigkeit, die auf Qualität und Langlebigkeit basiert – ähnlich den Werten historischer Luxusmarken. Auch der Lebenszyklus von Innenräumen könnte sich vollständig verändern: Materialien werden so entwickelt, dass sie länger halten oder zurückgewonnen und in neue Projekte integriert werden können. Das erfordert eine neue gestalterische Sensibilität.
Letztlich führt alles immer wieder zur User Experience zurück. Die eigentliche Frage lautet: Wie wird die nächste aussehen?