Zur Vertiefung der Inhalte des Panels, das am 19. Mai in La Spezia im Rahmen des Blue Design Summit von Smart Interiors Horizon moderiert wurde, sprachen wir mit Enrico Lumini (Partner & Design Director bei Hot Lab) über die Rolle des Designs bei der nachhaltigen Transformation der Nautikbranche. Von der Notwendigkeit, die Sprache der Nachhaltigkeitskommunikation zu verändern, bis hin zur Bedeutung konkreter und messbarer Instrumente entstand eine klare Überlegung: Die Nachhaltigkeitsnarrative muss sich in Prozesse, Materialien und Kooperationen übersetzen, die reale Auswirkungen erzeugen können.
PressMare - Während des Panels haben Sie das starke Beispiel eines Eigners genannt, der mitten im August unter einer Daunendecke schläft, während die Klimaanlage in der Kabine auf 18 Grad eingestellt ist. Wie kann man Ihrer Meinung nach das Luxusverständnis verändern, ohne dass Nachhaltigkeit als Verzicht wahrgenommen wird?
Enrico Lumini - Ich glaube, es gibt zwei grundlegende Aspekte. Der erste ist, dass die Communities, an die wir uns richten, zahlenmäßig klein und stark miteinander vernetzt sind. Das bedeutet, dass sich eine neue Botschaft, wenn sie gut kommuniziert wird, sehr schnell verbreitet. Wenn also ein Mitglied der UHNWIs-Community eine bestimmte Entscheidung trifft, wird diese automatisch auch für andere zu einem Bezugspunkt.
Der zentrale Punkt ist jedoch ein anderer: Wir müssen aufhören, Nachhaltigkeit als Verzicht darzustellen, und stattdessen den Mehrwert eines wirklich nachhaltigen Ansatzes erklären, ohne dabei Komfort und Qualität aufzugeben. Wenn nachhaltige Entscheidungen als Einschränkung wahrgenommen werden, werden sie niemals akzeptiert. Wenn sie hingegen zu einem integralen Bestandteil eines modernen und weiterentwickelten Lebensstils werden, können sie sich ganz natürlich mit Luxus verbinden.
PM - Funktioniert dieser Ansatz auch bei der neuen Generation von Eignern?
EL - Meiner Meinung nach sogar noch stärker. Die neuen Generationen haben ein anderes Verhältnis zum Eigentum. Wir bewegen uns von einer Kultur des Besitzes hin zu einer Kultur der Erfahrung. UHNWIs der Generation Z werden weiterhin bedeutende Vermögenswerte besitzen, messen Erfahrungen jedoch einen deutlich höheren Wert bei als dem bloßen Besitz.
Das Erlebnis-Ökosystem rund um den Besitz verändert vollständig die Art und Weise, wie Nachhaltigkeit kommuniziert werden kann. Wenn wir erklären, dass nachhaltige Lösungen keinen Verzicht bedeuten, sondern mit authentischen, lehrreichen und immersiven Erfahrungen verbunden werden können, wird die Botschaft mit deutlich größerem Interesse aufgenommen als früher.
PM - Sie haben auch über die Gefahr gesprochen, dass Nachhaltigkeit nur eine Narrative bleibt. Wie kann sie konkret werden?
EL - Dafür braucht es Daten. Narrative ist wichtig, weil sie Vision, Emotion und Kultur schafft, doch ohne Zahlen verliert sie an Glaubwürdigkeit. In anderen Branchen wie Energie, Food oder Automotive existiert dieser Ansatz seit Jahren mit Klassifizierungen, Indikatoren und Life Cycle Assessments. Dasselbe sollten wir auch in unserem Sektor tun. Eines der interessantesten Themen, über das wir mit Smart Interior Horizons gesprochen haben, ist genau die Entwicklung gemeinsamer Materialbibliotheken mit überprüfbaren Daten. Ziel ist es, den LCA-Wert nicht nur einzelner Materialien, sondern sogar kompletter Bereiche wie einer Kabine oder eines Badezimmers berechnen zu können.
Heute gibt es Energieklassen für Gebäude und Haushaltsgeräte. Ich sehe keinen Grund, warum es künftig nicht auch Klassifizierungen für Yachten geben sollte. Dadurch würde Nachhaltigkeit messbar werden.
PM - Gibt es ein Projekt, das diesen Ansatz besonders gut repräsentiert?
EL - Sicherlich das Projekt Sport Hybrid, das zwischen 2008 und 2010 gemeinsam mit dem Ingenieurbüro Hydrotec von Sergio Cutolo entwickelt wurde. Es war eine der ersten Yachten mit Hybridantrieb und gewann 2013 einen Environmental Award. Besonders interessant finde ich die interdisziplinäre Arbeit zwischen der technischen Optimierung von Rumpf und Verbrauch sowie dem Design der Innenräume. Irgendwann wurde das Problem sehr einfach: Es ergab keinen Sinn, den Antrieb zu optimieren und anschließend Tonnen von Marmor an Bord zu laden.
Die Lösung bestand darin, gemeinsam zu arbeiten, zunächst das Problem zu identifizieren und anschließend Lösungen zu finden, die weder ästhetische noch technische Kompromisse bedeuteten. Wir verzichteten nur teilweise auf einige Steinverkleidungen und verwendeten stattdessen Leichtbaumarmor, wodurch das Gewicht um 60 % reduziert wurde. Das zeigt, dass selbst kleine Verbesserungen enorme langfristige Auswirkungen haben können. Wenn eine Yacht zwanzig Jahre lang mit einem um 5-10 % reduzierten Verbrauch fährt, wird der ökologische Nutzen konkret.
PM - Können also auch kleine Schritte einen Unterschied machen?
EL - Absolut. Zwischen null und hundert gibt es unendlich viele Abstufungen. Wir können nicht erwarten, dass sofort alles perfekt wird, aber jede Verbesserung zählt.
Es gibt außerdem einen positiven Aspekt des Wettbewerbs, denn unsere Branche ist klein und wir kennen uns alle. Wenn ein Designer oder eine Werft mit innovativen Materialien oder Lösungen gute Ergebnisse erzielt, werden auch andere motiviert, sich zu verbessern. Das ist eine Form gesunden Wettbewerbs, die Innovation beschleunigen kann.
PM - Wer trägt die Verantwortung, diese Narrative in konkrete Prozesse zu verwandeln?
EL - Ich glaube, es gibt zwei Verantwortungsebenen. Die erste betrifft die Kommunikation, denn Designer und Architekten befinden sich in einer privilegierten Position, da sie häufig eine direktere Beziehung zum Eigner aufbauen als Techniker. Deshalb müssen wir diese Nähe nutzen, um den Wert nachhaltiger Entscheidungen zu erklären und sie attraktiv zu machen.
Die zweite Ebene betrifft die technische Umsetzung. Hier kommen Werften, technische Büros, Antriebsunternehmen und Zulieferer ins Spiel. Es braucht Zusammenarbeit entlang der gesamten Lieferkette, um Nachhaltigkeit auch in konkrete und verständliche Vorteile für den Eigner zu übersetzen, darunter geringerer Verbrauch, höherer zukünftiger Wert der Yacht und Anpassung an IMO-Regularien.
Ohne Daten und ohne Zusammenarbeit besteht die Gefahr, dass alles Theorie bleibt.
PM - Eines der Themen war auch die Notwendigkeit gemeinsamer Protokolle. Wie wichtig ist dieser Aspekt?
EL - Er ist grundlegend. Was wir brauchen, ist eine Art gemeinsame Roadmap, also Leitlinien, die der Branche helfen zu verstehen, wo sie beginnen kann. Beispielsweise könnten wir damit anfangen, zur gemeinsamen Materialdatenbank beizutragen, die SIH entwickelt, mit überprüfbaren LCA-Daten. Anschließend könnten diese Informationen zwischen Architekten, Designern und Werften geteilt und später auch nach außen kommuniziert werden.
Ich verstehe die Bedenken hinsichtlich Wettbewerbsvorteilen und Eigentumsrechten an Forschungsergebnissen, aber ich glaube, dass es Raum für kollaborative Modelle gibt. Wenn mehrere Unternehmen gemeinsam in Forschung investieren würden, könnten deutlich fortschrittlichere Ergebnisse erzielt werden als individuell möglich wäre.
Selbst bei Verwendung derselben Materialien würde jeder Designer weiterhin seine eigene Identität und seinen Wettbewerbsvorteil behalten.
Rebecca Gabbi