AMS: Vom Strukturengineering zu maßgeschneiderten Systemen für Superyachten

22/07/2026 - 09:35 in Service by Press Mare

Ein roter Faden verbindet sämtliche Projekte von Advanced Mechanical Solutions – von Strukturentwicklungen für Segelyachten bis hin zu kundenspezifischen Bewegungssystemen für Superyachten der neuesten Generation. Im Mittelpunkt steht dabei stets ein ingenieurgetriebener Entwicklungsansatz: Jedes Projekt beginnt mit einer technischen Herausforderung und nicht mit einem fertigen Produkt – unabhängig davon, ob das Ergebnis eine Ingenieurdienstleistung oder ein vollständig integriertes System ist, das später an Bord installiert wird.

Genau dieser Eindruck entsteht beim Besuch des Unternehmenssitzes in Ancona, wo PressMare die Gelegenheit hatte, Firmengründer und CEO Francesco Pelizza zu treffen und aus nächster Nähe zu verfolgen, wie aus einer technischen Idee Schritt für Schritt ein einsatzbereites Produkt für den Yachteinbau entsteht.

Der 2022 eröffnete Standort vereint Entwicklungsbüros, die Composite-Abteilung, mechanische Fertigung, Montage und Testbereiche unter einem Dach. Er spiegelt die Entwicklung eines Unternehmens wider, das 2005 als Ingenieurbüro gegründet wurde und heute hochgradig kundenspezifische Systeme für Yachten und Superyachten entwickelt, produziert und installiert.

Der Hauptsitz von AMS in Ancona vereint Entwicklung und Fertigung unter einem Dach

Trotz dieses Wandels ist AMS seiner ursprünglichen Philosophie treu geblieben. Jedes neue Projekt beginnt nach wie vor mit der Analyse einer technischen Problemstellung. Belastungen, verfügbarer Bauraum, Kinematik, Gewicht, Einbaubedingungen und funktionale Anforderungen werden zunächst detailliert untersucht, bevor die geeignete mechanische Lösung entwickelt wird. Die Fertigung kam erst später hinzu – als logische Erweiterung der Ingenieurarbeit und nicht als deren Ausgangspunkt.

Dieser Ansatz spiegelt den beruflichen Werdegang des Unternehmensgründers wider.

Nach seinem Studium des Maschinenbaus an der Università Politecnica delle Marche arbeitete Francesco Pelizza mehrere Jahre in der Luft- und Raumfahrtindustrie, bevor er AMS gründete. Diese Erfahrung prägt bis heute die Unternehmenskultur. Strukturelle Auslegung, konsequente Gewichtsoptimierung, höchste Detailgenauigkeit und kompromisslose Qualitätskontrolle – typische Merkmale des Aerospace-Engineerings – wurden auf den Yachtbau übertragen.

Neben seinem beruflichen Werdegang hat jedoch eine weitere Leidenschaft die Identität des Unternehmens entscheidend geprägt: der Segelsport.

Pelizza verfügt über langjährige Erfahrung im Offshore-Regattasport sowie im Yachtdesign und arbeitet bis heute gemeinsam mit Konstrukteuren und Werften an Strukturentwicklungen und Finite-Elemente-Analysen (FEA). Während unseres Gesprächs kam er immer wieder auf denselben Grundgedanken zurück: Wer das Verhalten einer Yacht auf See nicht versteht, kann sie auch nicht optimal konstruieren.

Francesco Pelizza, Gründer und CEO von Advanced Mechanical Solutions

„Man kann keine Segelyacht entwickeln, ohne zu wissen, was auf See tatsächlich passiert. Die Vorschriften der Klassifikationsgesellschaften sind unverzichtbar, aber sie bilden nur einen Teil des Gesamtbildes. Entscheidend ist ebenso, die realen Lasten und das Verhalten der Yacht unter Segel zu verstehen – andernfalls wird früher oder später irgendwo etwas versagen."

Mit diesen Worten fasst Pelizza eines der Prinzipien zusammen, die AMS seit der Unternehmensgründung prägen.

Diese doppelte Identität – fundiertes Engineering auf der einen Seite und praktische Segelerfahrung auf der anderen – bestimmt das Unternehmen bis heute. Während AMS komplexe Systeme für große Motoryachten entwickelt, ist die Verbindung zum Segelsport durch Strukturentwicklung, Finite-Elemente-Berechnungen sowie die Zusammenarbeit mit Yachtkonstrukteuren und Werften stets erhalten geblieben. Diese Tätigkeiten bilden nach wie vor einen wesentlichen Bestandteil der Arbeit der Entwicklungsabteilung.

Engineering ist und bleibt das Herzstück von AMS. In den Anfangsjahren konzentrierte sich das Unternehmen nahezu ausschließlich auf Strukturanalysen, Dimensionierungen, Machbarkeitsstudien, Mechanismenentwicklung und Finite-Elemente-Analysen. Dieses Know-how wurde nie aufgegeben und bildet bis heute die Grundlage jedes neuen Projekts.

Finite-Elemente-Analyse (FEA) zur Validierung der Struktur und zur Optimierung von Gewicht und Steifigkeit

Den entscheidenden Wendepunkt markierte Ende 2008 ein Auftrag von CRN zur Entwicklung eines Sonnenschutzsystems aus Carbonfaser. Kurz darauf übertrug die Werft AMS auch dessen Fertigung. Dieser Auftrag war der Beginn der eigenen Produktion und veränderte den weiteren Wachstumskurs des Unternehmens nachhaltig. Es folgte die Entwicklung eines ersten großen Betätigungssystems für eine Heckklappe von ISA Yachts sowie in den darauffolgenden Jahren eine stetig wachsende Zahl von Projekten für einige der renommiertesten italienischen Yachtwerften.

Was die Entwicklung des Unternehmens besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass ein Großteil der heutigen AMS-Produkte aus einer ganz konkreten Anforderung einer Werft oder eines Eigners hervorgegangen ist: begrenzter Bauraum, Gewichtsvorgaben oder besondere funktionale beziehungsweise gestalterische Anforderungen. Jede Lösung wird zunächst ausschließlich für eine einzelne Yacht entwickelt. Bewährt sie sich im praktischen Einsatz, kann sie später in das Portfolio des Unternehmens aufgenommen werden. Francesco Pelizza bringt diesen Entwicklungsansatz auf den Punkt: „Zuerst lösen wir das Problem, erst danach entsteht das Produkt. Und selbst dann bleibt es immer eine kundenspezifische Lösung."

Im weiteren Verlauf des Rundgangs wird deutlich, dass AMS nicht durch steigende Produktionszahlen gewachsen ist, sondern durch die Fähigkeit, immer komplexere technische Aufgabenstellungen zu übernehmen. Pelizza betont diesen Aspekt mehrfach, weil er die Position des Unternehmens im Markt treffend beschreibt. In einer Branche, in der zahlreiche Systeme als Serienlösungen verfügbar sind, wird AMS vor allem dann hinzugezogen, wenn vorhandene Produkte an ihre Grenzen stoßen oder außergewöhnliche Randbedingungen einen vollständig neuen Entwicklungsansatz erfordern.

FEA-Simulationen unterstützen die Entwicklung und Optimierung jedes Projekts

Mehrere Schlüsselprojekte verdeutlichen diese Philosophie.

Zu den ersten Projekten, die den Ruf des Unternehmens maßgeblich prägten, gehörte ein groß dimensioniertes, einziehbares Sonnenschutzsystem aus Carbonfaser für CRN. Gleichzeitig legte dieses Projekt den Grundstein für den Aufbau der eigenen Fertigung. Es folgten zunehmend anspruchsvollere Bewegungssysteme, darunter das erste große Betätigungssystem für eine Heckklappe von ISA Yachts, heute Teil der Palumbo Superyachts Group. Seither hat AMS sein Kompetenzspektrum kontinuierlich erweitert und entwickelt heute Shell Doors, ausklappbare Balkone, Hubsysteme, Davits, Composite-Strukturen sowie eine Vielzahl maßgeschneiderter Systeme für Yachten und Superyachten.

Ein besonders aussagekräftiges Beispiel ist ein A-Rahmen-Kran mit einer Tragfähigkeit von bis zu vier Tonnen, der für eine Explorer-Yacht entwickelt wurde, die weltweit – einschließlich der Polarregionen – eingesetzt werden sollte. Die eigentliche Herausforderung lag dabei weit über die Entwicklung des Krans hinaus. Sie umfasste auch die strukturelle Auslegung des Arbeitsbootes, das mit dem Kran bewegt werden sollte. Die Werft entschied sich für einen Aluminiumrumpf, um Beschädigungen durch Eiskontakt besser widerstehen zu können, kombinierte diesen jedoch mit einem Deck und einer Aufbaustruktur aus Carbonfaser, um das Gewicht möglichst gering zu halten.

Die größte Herausforderung bestand darin, Aluminium und Carbon strukturell miteinander zu verbinden, ohne dass beide Werkstoffe direkt miteinander in Kontakt kommen konnten – eine Voraussetzung, um galvanische Korrosion zuverlässig auszuschließen. AMS entwickelte hierfür eine Konstruktion mit Zwischenelementen aus glasfaserverstärktem Kunststoff, welche die beiden Materialien vollständig voneinander isoliert und gleichzeitig die erforderliche strukturelle Kontinuität gewährleistet. Gerade Projekte wie dieses verdeutlichen, weshalb sich AMS bis heute in erster Linie als Engineering-Unternehmen versteht.

Eine maßgeschneiderte Mooring Door, entwickelt von AMS für eine Superyacht

Dieselbe Denkweise prägt auch die zahlreichen Bewegungs- und Betätigungssysteme, die das Unternehmen im Laufe der Jahre entwickelt hat. Shell Doors, Beach Clubs, Badeleitern, Gangways, Plattformen, ausklappbare Balkone und kundenspezifische Kinematiken entstehen fast immer in enger Zusammenarbeit mit der jeweiligen Werft – und zwar bereits in einer sehr frühen Phase des Entwicklungsprozesses. Häufig wird AMS eingebunden, wenn zunächst lediglich ein begrenzter Bauraum innerhalb der Yacht definiert ist und eine neue Funktion integriert werden muss, ohne Design, Gewichtsvorgaben oder technische Installationsräume zu beeinträchtigen.

Genau hier zeigt sich eine der größten Stärken des Unternehmens. Wie Pelizza erläutert, beginnen die Gespräche mit den Werften oftmals lange bevor ein Auftrag offiziell vergeben wird. Auf Grundlage dreidimensionaler CAD-Modelle werden verfügbare Einbauräume analysiert, Bewegungsabläufe simuliert und unterschiedliche technische Konzepte miteinander verglichen, bis die optimale Lösung gefunden ist. Erst wenn diese Entwicklungsphase ausreichend fortgeschritten ist, beginnt die eigentliche Angebots- und Detailkonstruktionsphase.

Dieser partnerschaftliche Entwicklungsprozess hat AMS im Laufe der Jahre langfristige Beziehungen zu zahlreichen führenden italienischen Werften ermöglicht. Zum Kundenkreis gehören unter anderem CRN, Benetti, ISA Yachts, Palumbo Superyachts, Sanlorenzo sowie Amico & Co., die das Unternehmen immer wieder mit der Entwicklung technisch anspruchsvoller oder besonders innovativer Systeme betraut haben.

Ein weiterer Aspekt, der beim Rundgang durch den Standort in Ancona sofort ins Auge fällt, ist die strategisch immer größere Bedeutung der Composite-Fertigung. Viele Jahre lang entwickelte AMS Bauteile aus Carbonfaser, ließ deren Herstellung jedoch von externen Zulieferern übernehmen. Mit der zunehmenden Zahl und Komplexität der Projekte entschied sich das Unternehmen jedoch, diesen Fertigungsbereich schrittweise ins eigene Haus zu holen.

Ausschlaggebend dafür waren mehrere Faktoren: eine bessere Qualitätskontrolle, kürzere Entwicklungszeiten, geringere Abhängigkeit von externen Lieferanten und vor allem der kontinuierliche Ausbau des eigenen Fertigungs-Know-hows.

Heute entfallen rund 900 der insgesamt 1.800 Quadratmeter großen Unternehmenszentrale auf die Composite-Produktion – ein Bereich, den AMS als eine der strategischen Säulen seiner zukünftigen Entwicklung betrachtet. Hier entstehen Strukturbauteile, Decksausrüstung, gewichtsoptimierte mechanische Komponenten sowie maßgeschneiderte Systeme sowohl für Neubauten als auch für umfangreiche Refit-Projekte.

Diese Entwicklung zeigt beispielhaft, wie AMS seine Kompetenzen kontinuierlich erweitert hat, ohne dabei die Grundprinzipien aus den Augen zu verlieren, die das Unternehmen seit seiner Gründung prägen: Zunächst wird eine technische Herausforderung analysiert, anschließend die optimale Lösung entwickelt und – sofern sinnvoll – daraus ein neues Produkt geschaffen.

Belastungsprüfung eines Portalkrans zum Aussetzen von Tenders

Auch die Unternehmensstruktur hat sich entsprechend weiterentwickelt. Aus dem kleinen Ingenieurbüro, das 2005 gegründet wurde, ist ein Unternehmen mit einer rund 1.800 Quadratmeter großen Betriebsstätte geworden, in der Entwicklungsbüros, Composite-Fertigung, mechanische Werkstätten, CNC-Bearbeitungszentren, Montage und Testeinrichtungen untergebracht sind. Heute beschäftigt AMS knapp dreißig Mitarbeiter, darunter fünf operative Gesellschafter, und erzielt einen Jahresumsatz von rund 4,8 Millionen Euro.

Parallel dazu wurde auch die Managementstruktur ausgebaut. An der Seite von Francesco Pelizza arbeiten Chief Operating Officer Francesco Staffolani, Chief Financial Officer Francesca Formichini sowie ein interdisziplinäres Team aus Ingenieuren, Konstrukteuren, Projektmanagern und Spezialisten, das sämtliche Projektphasen begleitet – von der ersten Konzeptentwicklung bis zur Installation an Bord.

Der neue pneumatische Teleskopmast von AMS, vollständig im eigenen Haus entwickelt und gefertigt

Mit dem Wachstum des Unternehmens entstand zugleich eine neue Herausforderung: den richtigen Ausgleich zwischen organisatorischer Struktur und unternehmerischer Flexibilität zu bewahren. Größere Projekte erfordern standardisierte Abläufe, professionelles Projektmanagement, konsequente Qualitätssicherung und effizientere interne Prozesse. Gleichzeitig verfolgt AMS weiterhin das Ziel, jede neue Aufgabe als individuelles Engineering-Projekt zu behandeln und sich die Flexibilität zu bewahren, die das Unternehmen seit seinen Anfängen auszeichnet.

Während des Besuchs wird außerdem deutlich, welche Bedeutung dem Refit-Geschäft künftig zukommt. Bei Neubauten wird AMS häufig bereits in einer sehr frühen Entwicklungsphase eingebunden. Bei bestehenden Yachten geht es dagegen meist darum, neue Funktionen zu integrieren, veraltete Systeme zu ersetzen oder zusätzliche Einrichtungen in bereits vorhandene Strukturen einzupassen. Der Ausgangspunkt ist dabei nie das Produkt selbst, sondern stets die technische Problemstellung, die gelöst werden muss.

Genau aus diesem Ansatz entstehen immer wieder neue Entwicklungen. Das jüngste Beispiel ist der pneumatische Teleskopmast, den AMS erst vor wenigen Wochen vorgestellt hat und über den PressMare bereits berichtet hat. Erstmals erfolgt die Betätigung nicht hydraulisch, sondern mit Druckluft. Gleichzeitig bleiben sämtliche wesentlichen Eigenschaften herkömmlicher hydraulischer Teleskopmasten erhalten – darunter auch ein automatisches Süßwasser-Spülsystem, das Salzablagerungen und Verunreinigungen aus dem Inneren des Mechanismus entfernt, dadurch die Betriebssicherheit erhöht und den Wartungsaufwand reduziert.

Auf den ersten Blick wirkt diese Innovation vergleichsweise unspektakulär. Tatsächlich entstand sie jedoch aus der sorgfältigen Analyse eines ganz konkreten Problems, das sich im täglichen Betrieb teleskopischer Masten an Bord moderner Yachten gezeigt hatte.

Nach dem Besuch in Ancona bleibt vor allem der Eindruck eines Unternehmens, das seinen Erfolg nicht auf Serienfertigung aufgebaut hat, sondern auf seine Fähigkeit, unterschiedlichste technische Herausforderungen zu lösen. Ob es sich um eine Composite-Struktur, ein Bewegungssystem für einen Beach Club, eine Einstiegsanlage oder eine komplexe Kinematik handelt, die später für den Eigner unsichtbar bleibt – der Entwicklungsprozess folgt stets demselben Prinzip: das Problem verstehen, die passende Lösung entwickeln und daraus ein zuverlässiges, vollständig integriertes System schaffen.

Genau darin liegt vermutlich der Grund, weshalb sich AMS innerhalb von etwas mehr als zwanzig Jahren von einem auf Strukturberechnungen spezialisierten Ingenieurbüro zu einem anerkannten technischen Entwicklungspartner einiger der bedeutendsten italienischen Yachtwerften entwickelt hat. Dieser Weg wurde Projekt für Projekt aufgebaut – getragen von der Überzeugung, dass Innovation im hochwertigen Yachtbau nur selten aus einem Produktkatalog entsteht, sondern fast immer aus der Fähigkeit, für bislang ungelöste technische Herausforderungen neue Antworten zu finden.

Giuliano Luzzatto

CNC-Bearbeitung eines mechanischen Bauteils

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