Vom olympischen Segelsport über den America’s Cup bis hin zur Leitung des Projekts Ferrari Hypersail: Enrico Voltolini schildert den Weg, der ihn zum Projektleiter des Programms gemacht hat, und erklärt, wie Geschwindigkeit und Technologie auch die Organisation moderner Segelteams verändern.
PressMare: Enrico, wer den Segelsport verfolgt, kennt deinen Werdegang sehr gut. Für ein breiteres Publikum bist du jedoch noch ein relativ neues Gesicht. Wie hat deine Laufbahn begonnen?
Enrico Voltolini: Ich habe als Kind im Optimisten mit dem Segeln begonnen und bin später in die Klassen Laser, Finn und Star gewechselt. 2011 habe ich gemeinsam mit Diego Negri die Europameisterschaft in der Star-Klasse gewonnen. Anschließend war ich bei den beiden jüngsten America’s-Cup-Kampagnen von Luna Rossa Prada Pirelli dabei. Heute bin ich außerdem weiterhin in das Red Bull Italy SailGP Team eingebunden.
Seit Juli vergangenen Jahres arbeite ich am Projekt Ferrari Hypersail mit. Giovanni Soldini hat mich in das Programm geholt, und seit April dieses Jahres bin ich dessen Projektleiter.
PM: Welche Erfahrung in deiner Karriere hat dich am stärksten geprägt und hilft dir heute besonders bei Ferrari Hypersail?
E.V.: Zweifellos der America’s Cup. Es ist eine Erfahrung, die einen vollkommen in Anspruch nimmt: Man arbeitet jeden Tag, den ganzen Tag, mit Seglern, Ingenieuren und Spezialisten auf allerhöchstem Niveau zusammen. Der Austausch ist kontinuierlich, und man lernt enorm viel. Ein wesentlicher Teil meines technischen Erfahrungsschatzes stammt aus dieser Zeit.
PM: Was hat dich davon überzeugt, diese neue Herausforderung anzunehmen und später auch die Leitung des Projekts zu übernehmen?
E.V.: Ich hatte schon immer eine große Leidenschaft für das Meer und den Wunsch, die Ozeane zu erleben. Im Verlauf meiner Karriere bin ich jedoch überwiegend bei Inshore-Regatten gelandet.
Ferrari Hypersail hat mir nun endlich die Möglichkeit eröffnet, mich dem Hochseesegeln zu nähern – und das innerhalb eines Programms, in dem Ferrari die Technologie auf ein außergewöhnlich hohes Niveau hebt. Diese Verbindung fand ich äußerst reizvoll.
PM: Du bist nicht nur Segler, sondern auch Schiffbauingenieur. Welche Bedeutung hat diese Ausbildung für deine heutige Aufgabe?
E.V.: Sie ist von entscheidender Bedeutung. Um ein Projekt dieser Art zu leiten, braucht man eine fundierte technische und wissenschaftliche Ausbildung sowie die Fähigkeit, das gesamte Programm als zusammenhängendes System zu verstehen. Nur ein guter Segler zu sein, reicht heute nicht mehr aus.
Auch die Crews auf den modernsten Booten entwickeln sich zunehmend zu technischen Spezialisten. Sie müssen die Bordsysteme bis ins Detail kennen. Man kann ein derart komplexes Boot nicht segeln, ohne zu verstehen, wie seine Systeme funktionieren.
PM: Wie hat sich die Rolle des Skippers auf technologisch hoch entwickelten Booten verändert?
E.V.: Ich glaube, dass die traditionelle Figur des Skippers zumindest teilweise der Vergangenheit angehört – oder eher zu Booten, die noch stärker mit der klassischen Segeltradition verbunden waren, wie etwa die International America’s Cup Class, die bis zu den Cup-Ausgaben in Valencia eingesetzt wurde.
Die Welt des technologisch hoch entwickelten Hochgeschwindigkeitssegelns hat sich grundlegend verändert. Früher steuerte der Skipper das Boot, kümmerte sich um die Beziehungen zu den Sponsoren, betreute die Logistik und war für zahlreiche weitere Bereiche des Projekts verantwortlich.
Heute würde es zwangsläufig das Gesamtniveau verringern, all diese Aufgaben in einer einzigen Person zu bündeln. Deshalb wird es einen Leiter des Sailing Teams geben, dazu Steuerleute, Foil Controller, Grinder und Navigatoren. Die Struktur wird aus Spezialisten bestehen. Einen einzelnen Skipper im traditionellen Sinne sehe ich dagegen nicht.
PM: Arbeitet ihr bereits an der Zusammenstellung des Sailing Teams?
E.V.: Ja, ich bin derzeit dabei, das Team aufzubauen. Die ersten Mitglieder werden im September vorgestellt. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir jedoch noch keine weiteren Einzelheiten bekannt geben.
PM: Der naheliegendste Vergleich für Hypersail ist Gitana 18, derzeit einer der am weitesten entwickelten Ultim-Trimarane. Worin unterscheiden sich eure Foils von denen der Gitana 18, auch vor dem Hintergrund, dass derselbe Konstrukteur an beiden Projekten beteiligt ist?
E.V.: Ich kenne die Foils von Gitana 18 nicht im Detail und kann deshalb keinen direkten technischen Vergleich anstellen.
Man muss jedoch berücksichtigen, dass ihr Projekt das Ergebnis der fortlaufenden Entwicklung mehrerer Boote innerhalb einer Klasse mit einer Box Rule ist. Der allgemeine Entwicklungsstand ist dort daher zwangsläufig weiter fortgeschritten.
Ferrari Hypersail hingegen wurde als Prototyp konzipiert. Der Stapellauf wird nicht den Abschluss des Projekts darstellen, sondern den Beginn der tatsächlichen Erprobungs- und Entwicklungsphase des Bootes.
Giuliano Luzzatto