Für die Oasis-Linie von Benetti hat der Architekt und Designer Enrico Bonetti, Mitbegründer von Bonetti/Kozerski Architecture, eine gestalterische Sensibilität in den Yachtbau eingebracht, die außerhalb der traditionellen nautischen Welt entstanden ist: eine Formensprache aus ausgewogenen Räumen und raffinierter Schlichtheit, ergänzt durch Materialien, die ihren ästhetischen Wert langfristig bewahren sollen.
Nach dem Erfolg der Oasis 34M, der kleineren Schwester der Oasis 40M, wurde Bonetti damit beauftragt, das Konzept auf einer neuen Plattform neu zu interpretieren und weiterzuentwickeln. Das Ergebnis ist eine Yacht, die den Geist und die Philosophie der ursprünglichen Oasis beibehält, hinsichtlich Proportionen, Layout und räumlicher Abläufe jedoch vollständig neu gestaltet wurde. Im Gespräch erläutert Bonetti, wie die neue Oasis ihre wiedererkennbare Identität bewahrt und gleichzeitig neue Lösungen für die Raumaufteilung und eine langfristige Wertbeständigkeit bietet.
PressMare – Die neue Oasis wird offiziell als Weiterentwicklung des Vorgängermodells bezeichnet. Wie würden Sie die Beziehung zwischen den beiden beschreiben?
Enrico Bonetti – Es ist wichtig zu betonen, dass es sich nicht um ein einfaches Restyling oder eine geringfügige Überarbeitung handelt, denn wir sprechen von einer vollständig neuen Yacht. Aus gestalterischer Sicht haben sich die Abmessungen verändert, das Layout wurde neu konzipiert und auch die Organisation der Räume ist eine andere.
Was erhalten bleibt, ist die Philosophie, die wir mit der ersten Oasis 40 Meter entwickelt haben: ein Projekt, das in vielerlei Hinsicht unsere erste „echte“ Yacht war. Wir kamen aus der Architektur und dem Interior Design und haben versucht, eine neue Formensprache zu entwickeln.
PM – Sie sprechen häufig von Ausgewogenheit und eleganter Schlichtheit. Wie haben Sie diese Prinzipien auf das Innenraumlayout und die Wegeführung an Bord übertragen?
EB – Unser Ziel war es, für den Eigner und seine Gäste ein kontinuierliches und ruhiges Erlebnis zu schaffen. Wir verstehen die Yacht als eine Abfolge von „Mini-Episoden“, die fließend ineinander übergehen. Man bewegt sich vom Außen- in den Innenbereich, von einem Raum zum nächsten, wobei der Rhythmus zunehmend ruhiger wird.
Eine der wesentlichen Entscheidungen bestand darin, die Haupttreppe vom zentralen Wohnbereich zu trennen. In früheren Layouts konkurrierten Verkehrswege und Treppen häufig um denselben Raum; hier haben wir die Hauptbereiche davon befreit, sodass sie großzügiger und fließender wirken. Gleichzeitig haben wir die Wegeführung für Crew und Service neu untersucht, damit Kombüse, Pantrys und Gästebereiche logischer und diskreter funktionieren.
Auch dem Stauraum haben wir besondere Aufmerksamkeit gewidmet. So wird beispielsweise die Wand entlang der Treppe als große integrierte Stauraumfläche genutzt. Dadurch können wir die Räume klar und hochwertig gestalten, ohne auf Funktionalität zu verzichten. Die Bewegung durch die Yacht soll sich natürlich und entspannt, beinahe intuitiv anfühlen, ohne abrupte Unterbrechungen.
PM – Sie haben das Thema Kontinuität angesprochen. Viele Eigner legen heute großen Wert auf die „Stimmung“ einer Yacht. Wie haben Sie eine ästhetische Einheit zwischen den verschiedenen Bereichen sichergestellt?
EB – Eigner achten sehr genau auf Atmosphäre und Kontinuität. Eine häufige Kritik an manchen Charter- oder Serienyachten besteht darin, dass jeder Raum eine andere Geschichte zu erzählen scheint und eine übergreifende Identität fehlt, die alles miteinander verbindet.
Hier wollten wir eine klare und kohärente Atmosphäre schaffen. Deshalb haben wir mit einem warmen Holzton als wiederkehrendem Element gearbeitet: einer präzise definierten Farbtemperatur, die sich durch die wichtigsten Wohnbereiche und Kabinen zieht. Im Vergleich zum Vorgängermodell haben wir größere Fensterflächen und mehr natürliches Licht vorgesehen, dabei aber dieselbe Wärme bewahrt, sodass die Yacht beim Wechsel von einem Raum zum nächsten wiedererkennbar bleibt.
Gleichzeitig wollten wir jedem Kunden einen gewissen Grad an Individualisierung ermöglichen, ohne die Identität der Oasis-Linie zu verändern. Anstatt umfangreiche Eingriffe in die grundlegende Architektur zuzulassen, haben wir bestimmte Flächen geschaffen, die individuell gestaltet werden können. Dazu gehören beispielsweise seitliche Paneele, die in der Standardversion mit einem hellen, gebleichten Holzfinish ausgeführt sind. Diese Bereiche lassen sich mit Stoffen, bedruckten Mustern oder unterschiedlichen Texturen neu interpretieren.
PM – Sie haben in strategisch wichtigen Bereichen sehr substanzielle Materialien wie Naturstein eingesetzt. Welche technischen Herausforderungen waren mit deren Integration an Bord verbunden?
EB – Schwere Naturmaterialien auf einer Yacht einzusetzen, ist immer eine Herausforderung. Bei diesem Projekt wollten wir in den Badezimmern und auf bestimmten Flächen des Hauptdecks echten Naturstein verwenden – als Material mit Präsenz und Authentizität.
Viele dieser Elemente bestehen aus relativ starken Steinplatten, teilweise mit einer Dicke von zwei bis drei Zentimetern. Sie müssen so konstruktiv integriert werden, dass sie sicher und gleichzeitig optisch leicht wirken. Dafür mussten wir spezielle Trägersysteme mit verdeckten Strukturen entwickeln, die das Gewicht aufnehmen können, ohne sich zu verformen, und gleichzeitig sämtliche Anforderungen berücksichtigen, die sich aus Bewegungen und Vibrationen während der Fahrt ergeben.
PM – Sie legen großen Wert auf Materialien, die „gut altern“. Wie beeinflusst dieser Ansatz Ihre Entscheidungen und den langfristigen Wert der Yacht?
EB – Für uns ist langfristige Wertbeständigkeit untrennbar mit der Qualität der Materialien verbunden. Wir bevorzugen natürliche und bewährte Materialien wie Massivholz, Natursteine wie Travertin oder Pietra di Luserna sowie Stoffe, die auf Langlebigkeit ausgelegt sind. Diese Materialien haben eine Geschichte und werden seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten in der Architektur verwendet. Deshalb wissen wir, wie sie altern, wie sie sich verhalten und wie sie gepflegt werden können.
Bei der Auswahl von Naturstein betrachten wir häufig bestimmte Regionen – Versilia, Piemont oder das Gebiet um Luserna –, um der Yacht eine Art „Terroir“, also eine geografische Identität, zu verleihen. Es ist ein subtiler Aspekt, der dem Projekt jedoch zusätzliche Tiefe gibt: Man verwendet ein Material, das Wurzeln besitzt und mit einer bestimmten Kultur verbunden ist.
Bei neuen, experimentellen Materialien, die zunächst interessant erscheinen, für die jedoch noch keine langfristigen Erfahrungswerte vorliegen, sind wir dagegen sehr vorsichtig. Im Yachtbau wäre es äußerst problematisch, erst nach einigen Jahren festzustellen, dass sich eine Oberfläche verfärbt oder ein Finish den Bedingungen der maritimen Umgebung nicht standhält. Deshalb versuchen wir, Innovation mit einer gewissen klassischen Disziplin zu verbinden: Die Yacht soll heute zeitgemäß wirken, aber auch in zehn oder zwanzig Jahren noch stimmig und ästhetisch überzeugend sein.
PM – Wie hat die Tatsache, dass Sie ursprünglich nicht aus der traditionellen Welt des Yacht Designs kommen, Ihre Herangehensweise an Projekte wie die Oasis-Linie beeinflusst?
EB – Da wir keinen klassischen Hintergrund im Yacht Design hatten, sind wir an die Oasis-Linie so herangegangen wie an eine hochwertige Residenz oder ein Hospitality-Projekt. Dabei stellen wir uns immer die gleichen Fragen: Wie lebt ein Mensch hier? Wie bewegt er sich? Wie entspannt er sich und wie empfängt er seine Gäste?
Wir hören sehr genau auf das Feedback der Eigner. Häufig verbirgt sich die Differenz zwischen dem, was ein Kunde nach eigenen Worten möchte, und dem, was er tatsächlich benötigt, in den Bildern, auf die er reagiert, oder in Atmosphären, zu denen er sich hingezogen fühlt, ohne genau erklären zu können, warum. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Signale zu entschlüsseln, zu verstehen, weshalb ihn ein bestimmter Raum oder ein bestimmtes Material anspricht, und daraus eine kohärente Geschichte zu entwickeln.
PM – Mit Blick auf die Zukunft: Welche Elemente dieses Projekts sollten Ihrer Meinung nach bei den kommenden Weiterentwicklungen der Oasis-Familie unbedingt erhalten bleiben?
EB – Ich denke, es gibt drei wesentliche Elemente. Das erste ist der räumliche Fluss, also eine kontinuierliche Abfolge von Erlebnissen von den offenen Decks bis in die Innenräume, ohne harte Übergänge. Das zweite ist die Materialwelt: warme Hölzer, Naturstein und Stoffe, die ein Gefühl von Ruhe und Authentizität vermitteln. Das dritte ist die Möglichkeit einer maßvollen Individualisierung, die jedem Eigner erlaubt, sich über bestimmte, sorgfältig ausgewählte Bereiche auszudrücken, ohne die grundlegende Identität der Linie zu beeinträchtigen.
Letztlich ist die Oasis-Linie unsere Art, die Idee von Eleganz in einen Lebensstil auf dem Wasser zu übersetzen.
Rebecca Gabbi