Contemporary Barge: Gian Paolo Nari bringt die Sprache des Yacht-Designs auf Europas Kanäle

18/09/2026 - 09:00 in Yachtdesign by Press Mare

Ein 19,90 Meter langes und 4,85 Meter breites Projekt, das sowohl für Binnengewässer als auch für die Fahrt auf See konzipiert ist. The Contemporary Barge entstand aus einer Idee des Yacht-Designers Gian Paolo Nari und des Beraters und Surveyors Lorenzo Cappugi. Ihr Ziel: einen traditionell stark funktional geprägten Schiffstyp mit der Formensprache des zeitgenössischen Yacht-Designs neu zu interpretieren. Cantieri Navali di Termoli wurde zu einem späteren Zeitpunkt als möglicher Baupartner in das Projekt eingebunden.

Eine Barge, die durch Europas Kanäle fahren, das Zentrum einer Metropole erreichen und gleichzeitig die Binnengewässer verlassen kann, um entlang der Küste zu navigieren. Genau auf dieser Idee basiert The Contemporary Barge.

Das Konzept entstand aus der Verbindung der Kompetenzen von Gian Paolo Nari, einem Yacht-Designer mit langjähriger Erfahrung im Exterior Styling und bei Custom-Projekten, und Lorenzo Cappugi, Berater und Surveyor. Von Beginn an bestand das Ziel darin, die Barge nicht nur gestalterisch neu zu denken, sondern auch jene technischen und operativen Aspekte einzubeziehen, die ihre tatsächlichen Einsatzmöglichkeiten bestimmen.

In einer späteren Phase wurde Cantieri Navali di Termoli als möglicher Baupartner in das Projekt eingebunden. Die Werft bringt ihre Erfahrung im Bau von Stahl- und Aluminiumschiffen ein, die von kommerziellen Einheiten bis hin zu großen Yachten reicht.

Ausgangspunkt ist ein Schiffstyp, der weit vom klassischen Yacht-Konzept entfernt ist. Historisch standen bei Barges Funktionalität, Ladekapazität und die Eignung für die Binnenschifffahrt deutlich stärker im Vordergrund als das Design. Genau hier setzt Nari an und überträgt die Formensprache des zeitgenössischen Yacht-Designs auf eine im Kern ausgesprochen rationale Plattform.

Dieser Ansatz entspricht der Erfahrung des Designers im Yacht-Design, Exterior Styling und bei Custom-Projekten. Zu seinen Arbeiten zählt unter anderem das Exterior Design der 59 Meter langen Explorer-Yacht Akula.

Das Ziel besteht darin, über das traditionelle Yacht-Konzept hinauszugehen und die Solidität bewährter Schiffbauweisen mit Modernität, Komfort, Design und italienischer Eleganz zu verbinden.

19,90 x 4,85 Meter: Die Abmessungen werden Teil des Designs

Einer der interessantesten Aspekte von Naris Arbeit ist auf den Renderings nicht unmittelbar erkennbar: Die Abmessungen ergeben sich nicht allein aus dem Wunsch nach möglichst viel Platz an Bord.

Die vier in der ersten Phase entwickelten Konzepte sind 19,90 Meter über alles lang und 4,85 Meter breit, bei einem Tiefgang von 1,20 Metern unter Volllast und einer vorgesehenen Durchfahrtshöhe von rund 3,40 Metern von der Wasserlinie bis zum Hardtop. Zusammen mit der sorgfältigen Kontrolle der Gesamtproportionen wurden diese Abmessungen gewählt, um das Projekt mit dem Freycinet-Profil und damit mit der Navigation auf dem europäischen Kanalnetz kompatibel zu machen.

Aus einer Einschränkung wird damit ein Designparameter.

Die Möglichkeiten zur Individualisierung bleiben umfangreich, doch Abmessungen, Tiefgang, Höhe und Gesamtkonfiguration müssen auch anhand der Routen definiert werden, auf denen die Barge tatsächlich eingesetzt werden soll. Dieses Prinzip ist integraler Bestandteil der Projektphilosophie: Die dimensionsbedingten und architektonischen Einschränkungen der europäischen Kanäle fließen von Beginn an unmittelbar in die Konzeption des Schiffes ein.

Vom Kanal ins Mittelmeer

An diesem Punkt entfernt sich The Contemporary Barge am deutlichsten vom Bild eines traditionellen Hausbootes.

Nach den von Nari bereitgestellten Projektspezifikationen werden Stahlrumpf und Rumpfform im Hinblick auf eine CE-Zertifizierung in den Kategorien C/B entwickelt, mit dem Ziel, sowohl den Einsatz auf Binnengewässern als auch die Navigation auf See zu ermöglichen.

Das Prinzip ist einfach: Eine Barge könnte beispielsweise Frankreich über das Binnenwasserstraßennetz durchqueren, anschließend das Mittelmeer erreichen und entlang der Küste weiterfahren oder kürzere Seepassagen unternehmen, beispielsweise zur Insel Elba.

Auch das Antriebskonzept folgt diesem Ansatz. Die derzeit untersuchte Konfiguration sieht ein serielles elektrisches Hybridsystem vor, entweder diesel-elektrisch oder vollelektrisch, mit zwei Elektromotoren mit jeweils 80 kW und einem 45-kW-Generator/Range-Extender. Die vorgesehene Reisegeschwindigkeit liegt zwischen 7,5 und 8,5 Knoten, die angegebene Höchstgeschwindigkeit bei rund 10,5 Knoten. Traktionsbatterien, Photovoltaikmodule auf dem Dach und die Möglichkeit zum Landstromanschluss vervollständigen die vorgesehene Energiearchitektur.

Der Wechsel von Binnengewässern auf das Meer ist damit keine nebensächliche Fähigkeit, sondern eines der grundlegenden Elemente des Projekts. Auch die offizielle Präsentation betont diese Entwicklung: Die Barge ist nicht mehr ausschließlich für Flüsse und Binnengewässer gedacht, sondern als nautische Plattform, deren Einsatzbereich sich auch auf die Seeschifffahrt erstreckt.

Das Ergebnis ist ein Schiff, das sich nur schwer in traditionelle Kategorien einordnen lässt. Es soll hinsichtlich seiner Performance keine Motoryacht ersetzen und ist zugleich weit mehr als nur ein schwimmendes Haus. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Möglichkeit, dieselbe Plattform in sehr unterschiedlichen Umgebungen zu nutzen.

Ein „schwimmendes Penthouse“ im Herzen der Stadt

Vielleicht ist es genau diese Eigenschaft, die das von Nari und Cappugi entwickelte Konzept am besten beschreibt.

Eine Barge dieser Art kann als eine Art schwimmendes Penthouse verstanden werden, das in Städten mit großen Wasserwegen als temporärer oder dauerhafter privater Wohnsitz dienen kann.

Paris und London sind zwei naheliegende Beispiele für die vorgesehene Nutzung: Ein Eigner oder Executive könnte über einen privaten Stützpunkt auf dem Wasser verfügen und gleichzeitig die Möglichkeit behalten, diesen zu verlegen und als vollwertiges Schiff für Reisen zu nutzen.

Das Projekt ist zudem so konzipiert, dass der Eigner das Schiff selbst nutzen und führen kann, ohne zwingend auf eine permanente professionelle Crew angewiesen zu sein. Die Autonomie des Eigners und die Freiheit, Routen, Zeitplan und Nutzungsweise selbst zu bestimmen, gehören zu den zentralen Merkmalen dieser neuen Interpretation der Barge.

Der General Arrangement Plan zeigt ebenso sehr ein Zuhause wie ein Schiff

Der für eines der Konzepte entwickelte General Arrangement Plan macht diesen Ansatz besonders deutlich.

Der Hauptwohnbereich befindet sich auf dem unteren Deck und ist um einen großzügigen zentralen Wohnbereich mit Salon und Dining Area angeordnet, an den die Pantry anschließt. Der Schlafbereich umfasst zwei Kabinen, wobei sich die Eignerkabine im vorderen Bereich befindet.

Ein besonders ungewöhnliches Element ist die Verbindung zwischen der Master Cabin und dem Bug: Vom Eignerbereich besteht ein direkter Zugang zu einer privaten Outdoor-Lounge, wodurch ein klar abgegrenzter privater Bereich gegenüber den größeren Gemeinschaftsflächen auf dem Oberdeck entsteht.

Im Heckbereich befinden sich dagegen die technischen Anlagen und der Maschinenraum, sodass die technischen Komponenten des Schiffes räumlich von den Wohnbereichen getrennt bleiben.

Der Steuerstand befindet sich auf einer erhöhten Ebene im achterlichen Bereich. Diese Lösung ist vor allem auf die Anforderungen der Binnenschifffahrt und die notwendige gute Sicht bei Manövern und in engen Passagen zurückzuführen.

Darüber wird das Deck nahezu vollständig zu einer großen Terrasse. Dining Area, Sofas, Chaiselongues und großzügige freie Flächen machen das Sonnendeck zum wichtigsten Außenbereich an Bord.

Die Breite von 4,85 Metern erzeugt dabei ein Raumgefühl, das sich deutlich von dem einer konventionellen Yacht von rund 20 Metern Länge unterscheidet: Die verfügbare Fläche wird nach einer Logik genutzt, die eher an Wohnarchitektur als an die traditionelle Raumaufteilung einer Yacht erinnert.

Auf dem Sonnendeck ist auch ein eVTOL vorgesehen

Nari integriert in das Konzept außerdem ein Element, das bewusst auf ein mögliches Zukunftsszenario ausgerichtet ist.

Eine der untersuchten Konfigurationen sieht auf dem Oberdeck eine Fläche für die Landung einer Passagierdrohne beziehungsweise eines eVTOL vor und nimmt damit eine mögliche zukünftige Verbindung zwischen der Barge und neuen Formen urbaner Mobilität vorweg.

Das bedeutet nicht, die Barge bereits heute in eine operationelle Luftfahrtplattform zu verwandeln. Vielmehr untersucht das Rendering ein mögliches zukünftiges Szenario. Sollten diese Technologien künftig Teil urbaner Mobilitätssysteme werden, könnte eine schwimmende Residenz zu einem der Knotenpunkte eines multimodalen Verkehrsnetzes werden, das Wasser, Land und Luft miteinander verbindet.

Es ist ein visionäres Element, das jedoch mit der Grundidee des Projekts übereinstimmt: einen Schiffstyp, der tief in der Geschichte der europäischen Schifffahrt verwurzelt ist, als Ausgangspunkt für deutlich zeitgemäßere Formen des Wohnens und der Mobilität zu nutzen.

Eine Custom-Plattform statt eines Standardbootes

The Contemporary Barge ist als Custom-Plattform konzipiert, bei der Exterior Styling, Interieur, Raumaufteilung, Nutzungsart und Navigationseigenschaften an die individuellen Anforderungen des jeweiligen Eigners angepasst werden können.

Cantieri Navali di Termoli, das später als möglicher Baupartner in das Projekt eingebunden wurde, bringt seine Erfahrung im Bau von Stahl- und Aluminiumschiffen ein, während das Design dieser technischen Plattform eine Formensprache verleiht, die näher am zeitgenössischen Yachting liegt.

Die Robustheit von Stahl bleibt eines der zentralen Elemente des Projekts. Gleichzeitig sollen Lösungen integriert werden, die mit den neuen Anforderungen an nachhaltige Schifffahrt und Green Yachting im Einklang stehen.

Das Ergebnis ist daher weder einfach eine Yacht in Barge-Form noch eine luxuriösere Version einer traditionellen Barge.

Die Idee besteht vielmehr darin, die Einschränkungen der europäischen Binnenschifffahrt als Designparameter für einen neuen Schiffstyp zu nutzen, der Navigation, Wohnraum und Mobilität auf einer einzigen Plattform miteinander verbindet.

Also kein schwimmendes Haus, das für die Navigation angepasst wurde, sondern ein Schiff, das dafür konzipiert ist, die Navigation selbst zu einer neuen Form des Wohnens zu machen.

Filippo Ceragioli

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