Die Dekarbonisierung des Yachtings ist keine ferne Perspektive mehr, sondern ein bereits durch Regulierung, Marktdruck und geopolitische Veränderungen im Energiesektor vorgezeichneter Weg. Während der Sektor noch vor wenigen Jahren am Rande der Klimadebatte stand, befindet er sich heute im Zentrum einer regulatorischen Konvergenz, die internationale Strategien und europäische Initiativen zusammenführt und neue Maßstäbe für Messung, Verantwortung und Innovation setzt.
In diesem Kontext steht das Yachting vor einer besonders komplexen Herausforderung: seine stark individualisierte und langlebige Natur mit einem regulatorischen Rahmen in Einklang zu bringen, der ursprünglich für die kommerzielle Schifffahrt entwickelt wurde. Daraus ergibt sich ein Szenario, in dem Energieeffizienz nur der erste Schritt ist, während die eigentliche Transformation eine tiefgreifendere Überarbeitung von industriellen Modellen, Energielieferketten und Designansätzen erfordert.
Es handelt sich daher nicht nur um einen technologischen Wandel, sondern um einen Paradigmenwechsel: von der Einzelleistung des Schiffes hin zu einer systemischen Sichtweise, die Kraftstoffe, Infrastrukturen, gemeinsame Kennzahlen und globale Governance einbezieht.
Wir haben das Thema mit Ing. Lorenzo Pollicardo, Director Technical and Environmental Policy bei SYBAss (Superyacht Builders Association), vertieft.
PressMare – In den letzten Jahren scheint sich der internationale Regulierungsrahmen deutlich beschleunigt zu haben. Was sind die wichtigsten Elemente dieser Entwicklung?
Lorenzo Pollicardo – In den letzten Jahren ist der maritime Sektor — und zunehmend auch das Yachting — in eine Phase regulatorischer Transformation ohnegleichen eingetreten. Der Rahmen ist mehrschichtig: Auf der einen Seite steht die IMO, auf der anderen die Europäische Union, die ihre Maßnahmen deutlich beschleunigt hat.
Die IMO 2023 Revised Strategy on Reduction of GHG Emissions from Ships hat ein klares Ziel gesetzt: die Erreichung von Net Zero „bis oder um 2050“. Parallel dazu hat Europa das Fit-for-55-Paket eingeführt und eine Reihe verbindlicher Maßnahmen für den maritimen Sektor umgesetzt.
Dazu gehört das EU ETS Maritime, das seit 2024 in Kraft ist und den Emissionshandel auf den Seeverkehr ausdehnt, wodurch CO₂ mit direkten Kosten belegt wird. FuelEU Maritime, gültig seit dem 1. Januar 2025, verlangt eine schrittweise Reduktion der Treibhausgasintensität von Kraftstoffen um bis zu 80% bis 2050, basierend auf einem Well-to-Wake-Ansatz, der den gesamten Lebenszyklus des Kraftstoffs berücksichtigt. Hinzu kommt die Onshore Power Supply, die Schiffe verpflichtet, bis 2030 in europäischen Häfen zunehmend Landstrom zu nutzen.
Dies stellt einen grundlegenden Wandel dar: Es wird nicht mehr nur auf operative Emissionen geschaut, sondern auf das gesamte Energiesystem. Parallel arbeitet die IMO am Net-Zero Framework, das 2025 verabschiedet wurde und bis 2027 in Kraft treten soll. Es wird erstmals ein globales System aus Emissionsintensitätsgrenzen und CO₂-Preismechanismen einführen und damit die Konvergenz zwischen europäischer und internationaler Regulierung weiter stärken.
PM – Welche Auswirkungen hat dieses Szenario speziell auf das Yachting im Vergleich zu anderen Segmenten der Schifffahrt?
LP – Für das Yachting sind diese Entwicklungen spezifischer und komplexer als im Cargo-Segment. Es handelt sich um Einheiten mit sehr langen Lebenszyklen, die schwer nachzurüsten sind, und um eine Infrastruktur für alternative Kraftstoffe, die noch begrenzt ist. Zudem ist bei Superyachten der Energieverbrauch für den sogenannten „Hotel Load“ oft höher als für die eigentliche Propulsion.
In diesem Kontext stellt Energieeffizienz die unmittelbarste Hebelwirkung dar: Optimierung der Bordsysteme, Reduktion des HVAC-Verbrauchs, Verbesserung der Rumpfformen und Einsatz effizienterer Materialien. Allerdings führen selbst die besten Effizienzmaßnahmen nur zu Reduktionen von etwa 30%, was zwar bedeutend ist, aber nicht ausreicht, um die Klimaneutralitätsziele zu erreichen.
PM – Welche Entwicklungslinien zeichnen sich für die Zukunft ab?
LP – Aus diesem Grund verlagert sich der Fokus zunehmend auf mittelfristige Maßnahmen, bei denen alternative Kraftstoffe wie fortschrittliche Biokraftstoffe, Methanol und Wasserstoff eine Rolle spielen, die zunehmend anhand von Life Cycle Assessment bewertet werden.
Der zentrale Punkt ist, dass es sich nicht nur um eine technologische Herausforderung handelt, sondern um eine systemische Transformation. Die Verfügbarkeit von Kraftstoffen, Hafeninfrastrukturen, CO₂-Bepreisung und geopolitische Kohärenz werden ebenso entscheidend wie die Technologie selbst. Yachting ist kein isoliertes System: Seine Dekarbonisierung hängt von der Entwicklung der gesamten globalen maritimen Industrie ab.
Gleichzeitig kann das Yachting aufgrund seiner Innovationsfähigkeit eine aktive Rolle übernehmen und als fortschrittliches Labor für den gesamten Sektor dienen.
PM – Welche Instrumente und Initiativen tragen in diesem Zusammenhang zur Definition gemeinsamer Standards bei?
LP – Ein zentraler Bezugspunkt ist die Water Revolution Foundation. Dabei handelt es sich um eine internationale Non-Profit-Organisation, die die wichtigsten Akteure der Superyacht-Industrie — Werften, Designer und Zulieferer — zusammenführt, um Nachhaltigkeit durch kollaborative Forschung und wissenschaftsbasierte Instrumente voranzutreiben.
Die Stiftung hat die Roadmap 2050 entwickelt, einen gemeinsamen Plan zur Erreichung von Null-Emissionen bis 2050, und YETI (Yacht Environmental Transparency Index) eingeführt, ein Instrument zur transparenten Messung und zum Vergleich der Umweltwirkungen von Superyachten.
Dank dieser Arbeit und des Beitrags der gesamten Branche existiert heute auch eine internationale technische Spezifikation, die ISO/TS 23099, die eine harmonisierte Bewertung und den Vergleich der Umweltleistung großer Yachten ermöglicht.
Diese Grundlage eröffnet zwei zentrale Entwicklungsrichtungen: zum einen die Entwicklung einer einheitlichen wissenschaftlichen Methode zur Messung der tatsächlichen Umweltwirkung mit Fokus auf operative Leistungen; zum anderen die Stärkung des Dialogs mit der IMO mit dem Ziel, spezifische internationale Regelungen für das Yachting zu schaffen.
PM – Kann man also von einer neuen Phase für den Sektor sprechen?
LP – Ja, der Sektor tritt tatsächlich in eine neue Phase ein: von einem relativ autonomen Bereich hin zu einem integralen Bestandteil eines regulierten globalen Systems, in dem die Herausforderung nicht nur darin besteht, Emissionen zu reduzieren, sondern dies kohärent, messbar und im Einklang mit den globalen Energiedynamiken zu tun.
Filippo Ceragioli