Alberto Galassi
Ferretti, Galassi in Il Sole 24 Ore: Verteidigung, M&A und die Rolle von KKCG im Kontrollkonflikt
Im Hinblick auf die Hauptversammlung am 14. Mai, auf der der Verwaltungsrat der Ferretti Group neu bestellt wird, tritt der Wettbewerb zwischen den Hauptaktionären in eine entscheidende Phase. In diesem Zusammenhang hat sich CEO Alberto Galassi dafür entschieden, seine Position in Il Sole 24 Ore, der führenden italienischen Wirtschaftszeitung, darzulegen. Das Interview, geführt von Raoul de Forcade, stellt einen wichtigen Beitrag zur laufenden Diskussion über Governance und strategische Ausrichtung des Konzerns dar.
Aus seinen Aussagen ergibt sich eine Entwicklungsstrategie, die auf mehreren Ebenen ansetzt. Einerseits die Stärkung des Kerngeschäfts im Bau von High-End-Yachten, andererseits die Öffnung hin zu neuen Anwendungsfeldern, insbesondere im Verteidigungssektor über die Ferretti Security Division. Vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Lage und des erneuten internationalen Interesses an Dual-Use- und Militärtechnologien kann eine stärkere Positionierung in diesem Segment eine relevante Wachstumsperspektive darstellen. Hinzu kommt die Möglichkeit eines externen Wachstums durch Akquisitionen sowie der Einsatz finanzieller Instrumente wie Aktienrückkäufe (Buybacks), also der Rückerwerb eigener Aktien durch das Unternehmen. Diese Maßnahme kann dazu beitragen, den Aktienkurs zu stützen und die Kapitalstruktur zu optimieren, im Rahmen einer aktiveren Finanzsteuerung.
Galassi betont, dass das Unternehmen in einem komplexen industriellen Umfeld agiert, das von starken Beziehungen und einer sehr selektiven internationalen Kundschaft geprägt ist. In diesem Kontext wird die Kontinuität im Management als wesentlicher Faktor für die Stabilität des in den vergangenen Jahren eingeschlagenen Kurses angesehen.
Zentral bleibt jedoch der Konflikt zwischen den Aktionären. Auf der einen Seite Weichai, historischer Anteilseigner mit signifikanter Beteiligung, auf der anderen KKCG Maritime, das seine Position schrittweise auf über 23 % des Kapitals ausgebaut hat. Laut Interview hat sich der Dialog mit der chinesischen Seite im Laufe der Zeit reduziert, während KKCG die aktuelle Unternehmensführung und den bestehenden Industrieplan ausdrücklich unterstützt.
Um die Natur dieses Vergleichs zu verstehen, ist ein Blick auf das Profil von KKCG Maritime notwendig. Es handelt sich weder um eine Werft noch um einen operativen Akteur im Bau oder Betrieb von Yachten, sondern um eine Investmentplattform, über die die KKCG-Gruppe im maritimen Sektor tätig ist. KKCG Maritime ist damit ein Investor mit einem finanz-industriellen Ansatz, der auf langfristige Wertschöpfung ausgerichtet ist. Grundlage sind sektorübergreifende Kompetenzen, ein internationales Netzwerk sowie die Fähigkeit, komplexe Transaktionen, insbesondere im Bereich M&A, zu strukturieren.
Die Referenz ist die Holding KKCG, gegründet 1995 von Karel Komárek, heute tätig in Bereichen wie Energie, Technologie, Entertainment und Immobilien. Innerhalb dieser Struktur überträgt die Maritime-Division ein bereits erprobtes Modell auf die Nautik: Wachstum durch Akquisitionen, Integration von Kompetenzen und internationale Expansion.
Im Fall von Ferretti führt dies zu einer Sichtweise, die Wachstumspotenziale weniger im Produkt selbst – das als solide gilt – als vielmehr in der Governance und in der Aktivierung neuer strategischer Hebel sieht. Daraus ergibt sich der Vorschlag, den Verwaltungsrat zu stärken und die Kapitalallokation dynamischer zu gestalten, mit besonderem Fokus auf Expansion und Konsolidierung.
In dieser Perspektive fungiert KKCG Maritime als Instrument für Investitionen und Entwicklung und weniger als operativer Akteur der nautischen Wertschöpfungskette. Das Unternehmen baut keine Yachten und betreibt keine Flotten, sondern beteiligt sich an Firmen mit dem Ziel, deren Wettbewerbsposition und industrielle Skalierung zu stärken.
Der laufende Konflikt um Ferretti geht damit über eine reine Aktionärsauseinandersetzung hinaus. Auf der einen Seite steht ein Governance-Modell mit stärker institutioneller und kontrollorientierter Prägung, auf der anderen ein Ansatz, der Managementkontinuität mit einer aktiveren Nutzung finanzieller und industrieller Hebel verbindet.
Das Ergebnis der Hauptversammlung wird nicht nur die Kräfteverhältnisse zwischen den Aktionären festlegen, sondern auch das zukünftige Entwicklungsmodell des Konzerns bestimmen. In diesem Szenario bringt KKCG Maritime eine neue Variable ein: die eines europäischen Investors mit Fokus auf Konsolidierung, in einem Markt, in dem High-End-Yachting zunehmend von der Integration von Kapital, Governance und industrieller Strategie geprägt wird.
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