Stassi Anastassov neuer CEO der Ferretti Group, Tan Ning übernimmt den Vorsitz des Verwaltungsrats

Editorial

14/05/2026 - 17:19

 

 

Am Ende hat Weichai gewonnen. Doch dies einfach nur als Sieg in der Hauptversammlung zu bezeichnen, wäre reduktiv - beinahe beleidigend gegenüber der Komplexität dessen, was sich in den vergangenen Wochen rund um die Ferretti Group abgespielt hat.

Was heute in Mailand stattfand, war keine gewöhnliche Versammlung zur Erneuerung des Verwaltungsrats. Es war der Endpunkt einer Unternehmenskrise, in der sich Finanzwelt, Geopolitik, nationale Sicherheit und industrieller Stolz in einer Intensität vermischten, wie sie die italienische Yachtindustrie bislang nicht erlebt hatte. Letztlich erhielt die von Ferretti International Holding unterstützte Liste - über die der chinesische Konzern Weichai rund 39,5 % des Kapitals kontrolliert - 52,3 % der Stimmen und acht der neun Verwaltungsratssitze. Die Liste von Azùr AS, die KKCG Maritime zuzurechnen ist, erhielt lediglich einen Sitz: jenen von Katarína Kohlmayer.

Das Ergebnis war erwartet worden, aber bis zuletzt keineswegs sicher. Denn in den Stunden vor der Versammlung wurde versucht, den Ausgang mit allen Mitteln zu stoppen.

Die Vertreter von KKCG hatten formell beantragt, das Stimmrecht von Weichai für die gesamte Beteiligung auszusetzen oder alternativ die Versammlung zu verschieben, bis die Untersuchungen der zuständigen Behörden abgeschlossen seien. Grundlage hierfür war die in den vergangenen Tagen bei der italienischen Regierung eingereichte Beschwerde, in der KKCG mögliche Verstöße gegen die Golden-Power-Regelungen vermutete: Nach dieser Darstellung würde die Ferretti Security Division Tätigkeiten im Verteidigungsbereich ausüben, was spezielle Vorabmeldungen erforderlich gemacht hätte, die der chinesische Aktionär angeblich nie vorgenommen habe. Die Versammlung lehnte sowohl die Aussetzung des Stimmrechts als auch die Vertagung ab. Die Hauptversammlung verlief somit regulär, und das Weichai-Lager erreichte das angestrebte Ergebnis.

Der symbolträchtigste Moment war jedoch bereits am Vortag gekommen. Piero Ferrari hatte mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt als stellvertretender Vorsitzender und Verwaltungsratsmitglied erklärt - mit einem Schreiben an den Verwaltungsrat und den Aufsichtsrat, das keinen Interpretationsspielraum ließ. „Frustration und Enttäuschung“ über die Ereignisse der vergangenen Wochen, ein ausdrücklicher Hinweis auf Aktienkäufe durch Akteure, die einem der Lager nahestehen und unterhalb der Meldepflichtgrenzen geblieben seien, sowie - in klaren Worten - der Wille, seinen Namen und sein industrielles Erbe nicht länger mit der aktuellen Unternehmenssituation zu verbinden. Ferrari ging mit einem lauten Knall, und dieser war deutlich zu hören.

Mit der Einsetzung des neuen Verwaltungsrats übernimmt Tan Ning den Vorsitz. In der Mitteilung nach der Versammlung sprach er von „Kontinuität, Stabilität und Wachstum“ und dankte dem bisherigen Verwaltungsrat sowie Alberto Galassi „für die in den vergangenen zwölf Jahren geleistete Arbeit“. Vielleicht formelle Worte, aber auch ein Signal dafür, wie der Übergang gestaltet werden soll: ohne weitere öffentliche Brüche, im Tonfall eines Siegers, der keinen zusätzlichen Nachdruck mehr braucht.

Der eigentliche Wendepunkt betrifft jedoch das operative Geschäft. Für die Dringlichkeitssitzung des Verwaltungsrats am 15. Mai wurde die Ernennung von Stassi Anastassov zum neuen CEO vorgeschlagen. Damit endet offiziell die Ära Galassi: elf Jahre an der Spitze der Gruppe, die Börsennotierung in Hongkong, anschließend jene in Mailand sowie der Aufbau einer weltweiten Führungsposition in den Premium- und Superyacht-Segmenten. Ein Weg, der Ferretti zu dem gemacht hat, was das Unternehmen heute ist - und der nun in andere Hände übergeht.

Der neue Verwaltungsrat spiegelt die Kräfteverhältnisse eindeutig wider: Neben Tan Ning und Anastassov sitzen Patrick Sun, Zhang Xiaomei, Jin Zhao, Zhu Yi, Federica Marchionni, Donatella Sciuto und Katarína Kohlmayer im Gremium. Vier Mitglieder der Mehrheitsliste gelten als unabhängig. Dieselbe Logik prägt auch die internen Ausschüsse: Patrick Sun übernimmt den Vorsitz des Kontroll- und Risikoausschusses, Zhu Yi den Vergütungsausschuss, Tan Ning den Strategieausschuss und Federica Marchionni den Nachhaltigkeitsausschuss.

Im gleichen Kontext genehmigte die Hauptversammlung auch den Jahresabschluss 2025: Nettoumsatz neuer Yachten von 1,231 Milliarden Euro (+5 %), ein bereinigtes EBITDA von 202,8 Millionen Euro bei einer Marge von 16,5 % sowie eine positive Nettoliquidität von 111 Millionen Euro. Zudem wurde eine Dividende von 0,11 Euro je Aktie beschlossen. Zahlen, die ein industriell solides Unternehmen beschreiben und zugleich verdeutlichen, dass sich der Konflikt der vergangenen Monate nie um die industrielle Leistung drehte, sondern um die Kontrolle.

Offen bleibt alles andere. Die von KKCG vorgebrachten Einwände zum Golden Power verschwinden nicht mit dem Ausgang der Hauptversammlung: Die Untersuchungen der zuständigen Behörden laufen weiter, der Copasir verfolgt den Fall weiterhin, und die Aufmerksamkeit der italienischen Institutionen gegenüber strategisch relevanten Vermögenswerten - insbesondere mit Bezug zum Verteidigungssektor - hat keineswegs nachgelassen. Das regulatorische und politische Spiel ist noch nicht beendet.

Auf industrieller Ebene scheint der neue Kurs auf Kontinuität mit der seit 2012 von Weichai verfolgten Strategie zu setzen: Sicherung der Marken, Ausbau der globalen Präsenz und Erhalt der italienischen Produktionsbasis. Auf dem Papier ein nachvollziehbares Programm. Doch nach dem Abgang von Galassi und Ferrari - zwei Persönlichkeiten, die auf unterschiedliche Weise die Seele der Gruppe verkörperten - tritt Ferretti in eine neue Phase ein. Mit einer neu gestalteten Governance, einem erst noch aufzubauenden Management und mehreren offenen Fragen, auf die früher oder später Antworten gefunden werden müssen.

Der heutige Sieg ist eindeutig. Wesentlich weniger klar ist hingegen das mittelfristige Bild. Die nächsten Schritte des neuen Managements werden zeigen, ob es der Gruppe gelingt, jenes Gleichgewicht zwischen industrieller Vision, italienischer Identität und internationaler Führungsrolle zu bewahren, das ihr Wachstum in den vergangenen Jahren getragen hat. Denn Ferretti ist nicht nur einer der weltweit führenden Akteure im High-End-Yachting, sondern auch eines der symbolträchtigsten industriellen Made-in-Italy-Assets weltweit.

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