Ferretti: Nach dem Übernahmeangebot beginnt das Ringen um die Governance – Szenarien vor der Hauptversammlung

Editorial

10/04/2026 - 09:16

Die laufende Entwicklung bei der Ferretti Group tritt in ihre sensibelste Phase ein. Mit dem bevorstehenden Ablauf des von KKCG initiierten Übernahmeangebots verschärft sich die Auseinandersetzung, auch auf kommunikativer Ebene.

In einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme hat Karel Komárek die Bewertungen im aktualisierten Emittentenbericht offen kritisiert und das Angebot als „fair, transparent und vorteilhaft für Minderheitsaktionäre“ bezeichnet. Gleichzeitig übte er deutliche Kritik an den Analysen des Advisors Altus Capital Limited. Nach Ansicht von KKCG Maritime werde der im aktualisierten Angebotspreis von 3,90 Euro je Aktie enthaltene Aufschlag nicht angemessen berücksichtigt, ebenso wenig wie das Marktumfeld und die begrenzte Liquidität der Aktie.

Auch die Empfehlungen des Verwaltungsrats und des unabhängigen Ausschusses werden kritisiert, da sie — so die Position des Bieters — von Vertretern des Hauptaktionärs Weichai beeinflusst seien. In der Mitteilung werden zudem interne Spannungen im Board hervorgehoben, wobei Persönlichkeiten wie Piero Ferrari und Stefano Domenicali von der offiziellen Linie abgewichen seien und zur Annahme des Angebots geraten hätten.

Vor diesem Hintergrund verlagert sich der Fokus zunehmend von Preis und Annahmequote auf die Governance-Strukturen, die sich im Vorfeld der Hauptversammlung im Mai herausbilden werden.

In den letzten Tagen wurde eine deutliche Beschleunigung der Annahmen verzeichnet, die im Wesentlichen die Einbringung des 4,6%-Anteils von Piero Ferrari in das Angebot von KKCG Maritime widerspiegelt. Dennoch kann dies noch nicht als das Signal gewertet werden, auf das der Markt gewartet hat, wie es in der Endphase solcher Transaktionen häufig der Fall ist. Vielmehr scheint die Entscheidung Ferraris weniger als Unterstützung für Komárek und KKCG zu wirken, sondern vor allem als Gelegenheit, einen erheblichen Kapitalgewinn zu realisieren, da 3,90 Euro je Aktie eine Bewertung nahe dem jüngsten Höchststand von 4,16 Euro darstellen. Zum Vergleich: Beim Börsengang 2023 lag der Ausgabepreis bei 3,00 Euro je Aktie.

Entscheidend ist jedoch weniger die Zahl selbst als vielmehr die Eigentümerstruktur. Die aktuellen Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich die Positionen der Hauptaktionäre zu festigen beginnen.

Auf der einen Seite steht Weichai, der Hauptaktionär mit einem Anteil von rund 40%, der sich klar gegen das Angebot positioniert hat. Auf der anderen Seite steht KKCG, das seine Beteiligung deutlich ausbauen und sich der Schwelle von 30% annähern will. Dazwischen befindet sich eine Gruppe von Investoren, deren Rolle in dieser Phase zunehmend entscheidend wird: institutionelle Anleger und private Aktionäre, die trotz kleinerer Beteiligungen maßgeblich zur Bildung einer Mehrheit beitragen können.

Hier wird sich in den kommenden Wochen die eigentliche Entscheidung abspielen. Der Abschluss des Übernahmeangebots am 13. April stellt lediglich den ersten Schritt dar. Der entscheidende Moment folgt am 17. April mit der Einreichung der Listen für die Neubesetzung des Verwaltungsrats, einschließlich der Position des CEO. In diesem Schritt werden sich die Aktionärsverhältnisse in konkrete Governance-Vorschläge übersetzen.

Daraus ergeben sich mehrere mögliche Szenarien. Ein erstes ist ein offener Machtkampf zwischen zwei Blöcken: einem von Weichai dominierten und einem um KKCG formierten Lager. In diesem Fall würde die Hauptversammlung am 14. Mai zu einem entscheidenden Wettbewerb um die Kontrolle des Konzerns.

Ein zweites Szenario wäre eine teilweise Annäherung der Parteien, die zu einer gemeinsamen Governance-Struktur führen könnte, mit einer Neuverteilung der Machtverhältnisse im Verwaltungsrat und einer Anpassung der operativen Rollen.

Nicht auszuschließen ist schließlich ein drittes Szenario: eine Zwischenlösung, in der keine Seite eine klare Mehrheit erreicht. Eine solche Konstellation würde eine komplexere Unternehmensführung mit sich bringen, geprägt von kontinuierlichen Abstimmungen und geringerer Entscheidungsdynamik.

In diesem Kontext kommt dem CEO Alberto Galassi eine zentrale Rolle zu. Seine bislang formell neutrale Haltung im Zusammenhang mit dem Übernahmeangebot steht im Spannungsfeld eines Beziehungsgeflechts, das ihn zu einem Schlüsselakteur für die zukünftigen Gleichgewichte macht.

Parallel dazu beginnen erste Spekulationen über mögliche Kandidaten für die operative Führung des Konzerns. Konkrete Namen sind bislang nicht etabliert, doch ist klar, dass die Frage der Führung eine zentrale Rolle im Aktionärsdialog spielen wird.

Derzeit erscheint die Bestätigung von Galassi — der das Unternehmen seit 2014 führt und die Phase des Wachstums maßgeblich geprägt hat — als die naheliegendste und aus industrieller Sicht kohärenteste Lösung. Neue Eigentümerstrukturen könnten jedoch auch alternative Optionen eröffnen, die die veränderten Machtverhältnisse widerspiegeln.

Der Übergang von der Annahmephase zur Aufstellung der Verwaltungsratslisten markiert einen klaren Wendepunkt: von einer primär finanziellen Logik hin zu einer strategisch-industriellen Dimension. In diesem Prozess wird sich zeigen, wer nicht nur über das Kapital verfügt, sondern auch in der Lage ist, dieses in effektive Kontrolle umzusetzen.

Die kommenden Wochen werden daher weniger den Erfolg des Angebots messen, sondern vielmehr die künftige Machtstruktur definieren, die die Ferretti Group prägen wird.

Wie so oft in solchen Situationen wird das Ergebnis nicht von einem einzelnen Schritt abhängen, sondern von der Fähigkeit der beteiligten Akteure, ein nachhaltiges Gleichgewicht zu schaffen — oder eben nicht.

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