Indien und Freizeitschifffahrt: das Szenario nach dem neuen Handelsabkommen mit der EU

Editorial

12/02/2026 - 16:00

In den letzten Monaten taucht Indien häufiger in Analysen potenzieller Märkte für die Freizeitschifffahrt auf. Der Grund ist kein sprunghafter Anstieg der Flotte oder der spezialisierten Infrastruktur — diese bleibt im Vergleich zu Europa und Nordamerika weiterhin begrenzt — sondern ein verändertes makroökonomisches und handelspolitisches Umfeld.

Die Kombination aus stabilem Wirtschaftswachstum, wachsendem Privatvermögen in den oberen Einkommensschichten und dem neuen Freihandelsabkommen mit der EU macht den indischen Markt für Werften, Motorenhersteller und Zulieferer beobachtenswert.

Nach aktuellen internationalen Schätzungen wurde Indien zwischen 2025 und Anfang 2026 gemessen am nominalen BIP zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und überholte Japan. Die Prognosen sehen das nominale BIP 2026 bei rund 4,5 Billionen US-Dollar, mit einem realen Wachstum im Fiskaljahr 2025–26 von etwa 7,4% und damit über dem globalen Durchschnitt.

Die Inflation bewegt sich schrittweise in Richtung der 4-Prozent-Marke, während das nominale Pro-Kopf-BIP mit etwas über 3.000 US-Dollar pro Jahr weiterhin relativ niedrig ist. Das macht einen zentralen Punkt deutlich: Das Wachstum ist robust, die durchschnittliche Einkommensbasis jedoch begrenzt — die Freizeitschifffahrt bleibt daher ein Nischenmarkt.

Die Vermögensverteilung ist stark ungleich. Studien zeigen, dass ein großer Teil des nationalen Vermögens bei einem kleinen Bevölkerungsanteil konzentriert ist. Die Zahl sehr großer Vermögen steigt, und Indien gehört dauerhaft zu den Ländern mit den meisten Milliardären weltweit, auch wenn die Zahlen je nach Methodik variieren.

Ein wichtiger Indikator für das Marktpotenzial ist die Entwicklung der Privatvermögen in den oberen Segmenten. Laut Capgemini World Wealth Report 2025 zählte Indien 2024 rund 380.000 HNWI — also Personen mit mehr als 1 Mio. US-Dollar investierbarem Vermögen — mit steigender Tendenz. Noch selektiver ist die Gruppe der UHNWI mit mehr als 30 Mio. US-Dollar Nettovermögen: Internationale Studien gehen von mehreren tausend Personen aus, während Vermögensrankings wie die Hurun Rich List mehr als 280 indische Milliardäre ausweisen. Die Unterschiede beruhen auf verschiedenen Bewertungsmethoden, doch der Trend ist eindeutig: Das Segment der sehr Vermögenden wächst, trotz weiterhin ausgeprägter Ungleichheit.

Große Vermögen entstehen vor allem in Technologie, Pharma, Immobilien und Rohstoffsektor. Für die Nautik bedeutet das: Ein potenzieller Kundenkreis ist vorhanden, aber begrenzt und auf wenige Metropol- und Tourismusregionen konzentriert.

Marktdaten zur indischen Freizeitschifffahrt stammen überwiegend von internationalen Research-Anbietern mit unterschiedlichen Abgrenzungen. Die Schätzungen für Yacht- und Pleasure-Boat-Segmente liegen weiterhin auf niedrigem Niveau — im Bereich einiger hundert Millionen Dollar — bei überdurchschnittlichen Wachstumsraten auf kleiner Basis.

Auch die Zahl registrierter Boote ist im Vergleich zu etablierten Märkten gering. Das Netz an Marinas und Yachthäfen befindet sich im Aufbau und ist ein entscheidender Faktor: Ohne Liegeplätze, technische Services und Refit-Strukturen bleibt das Flottenwachstum begrenzt.

Vor diesem Hintergrund ist das neue Freihandelsabkommen zwischen EU und Indien einzuordnen, das auf Verhandlungsebene abgeschlossen wurde und nun rechtlich und politisch ratifiziert werden muss. Die EU bezeichnet es als das bislang umfassendste Handelsabkommen beider Seiten.

Es sieht den Abbau oder die Abschaffung von Zöllen auf rund 96% der EU-Exportlinien nach Indien vor, mit Einsparungen in Milliardenhöhe pro Jahr und der Aussicht auf deutlich steigende Handelsströme. Zudem enthält es spezielle Erleichterungen für KMU durch mehr Transparenz und feste Ansprechpartner.

Für die europäische Marineindustrie sind die möglichen Effekte klar: Geringere Zollbarrieren für Boote, Motoren, Navigationselektronik und Bordsysteme verbessern die Wettbewerbsfähigkeit importierter Produkte. Werften und Zulieferer könnten bessere Marktzugangsbedingungen vorfinden.

Der tatsächliche Effekt hängt jedoch weniger von Zöllen allein ab als von operativen Faktoren: Importregeln, Besteuerung, Zulassungsverfahren sowie Marina- und Serviceinfrastruktur.

Niedrigere Zölle erleichtern den Zugang, schaffen aber nicht automatisch einen Markt. Die indische Freizeitschifffahrt bleibt ein Wachstumsmarkt mit Potenzial, jedoch noch begrenzter Struktur.

Ob daraus ein tragfähiger Markt wird, entscheidet die Entwicklung der lokalen Infrastruktur und Regulierung. Das EU-Abkommen öffnet eine Tür — wie weit sie sich öffnet, bestimmt der indische Binnenmarkt.

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