Andrea Agrusta
Andrea Agrusta (Navalhead): Leichtbau bleibt der Schlüssel für bessere und nachhaltigere Yachten
Wenn man eine gerade vom Stapel gelaufene Yacht betrachtet, richtet sich die Aufmerksamkeit fast immer auf das Design, die Räume an Bord oder die stilistischen Lösungen. Deutlich seltener stellt man sich die Frage nach der Arbeit, die dieses Gleichgewicht zwischen Leistung, Sicherheit, Komfort und Zuverlässigkeit überhaupt erst möglich macht. Und doch wird gerade in dieser Phase, die für Eigner und Öffentlichkeit oft unsichtbar bleibt, ein großer Teil der Qualität einer Yacht bestimmt.
Andrea Agrusta, Gründer und Managing Director von Navalhead, gehört zu jener Gruppe von Fachleuten, die Ideen, Anforderungen und gestalterische Konzepte in Projekte verwandeln, die tatsächlich seetüchtig sind. Beim Blue Design Summit trafen wir ihn zu einem Gespräch über seinen beruflichen Werdegang und seine Sicht auf die Herausforderungen, die heute die Entwicklung von Yachten und Superyachten neu definieren: von der Hydrodynamik über neue Umweltvorschriften bis hin zu immer offeneren Beach Clubs sowie den Auswirkungen von Volumen und Technologien auf das Verhalten einer Yacht auf See.
PressMare – Beginnen wir mit den Anfängen. Wie entstand Andrea Agrustas beruflicher Weg? War es die Leidenschaft, die Sie dazu brachte, Schiffbauingenieur zu werden?
Andrea Agrusta – Er entstand aus der Verbindung zweier Welten, die mich seit meiner Kindheit begleitet haben. Auf der einen Seite das Meer, dank meines Vaters: Segeln, Angeln, Wasserski und Boote. Auf der anderen Seite die Planung und Gestaltung durch die Familie meiner Mutter, die aus Architekten, Ingenieuren und Designern bestand. Ich verbrachte viel Zeit in ihren Büros und erkannte irgendwann, dass ich denselben Beruf ausüben wollte – allerdings angewandt auf Boote. Ich war damals etwa acht Jahre alt und habe meine Meinung seitdem nie geändert.
PM – Welchen Ausbildungsweg haben Sie eingeschlagen?
AA – Ich habe Schiffbau an der Universität Triest studiert. Anschließend absolvierte ich einen Masterstudiengang in Yacht Design an der Universität Genua, promovierte im Bereich Hydrodynamik und schloss ein MBA-Studium ab, um meine Managementkompetenzen zu erweitern. Auch heute beschäftige ich mich weiterhin mit Physik, weil ich überzeugt bin, dass Lernen ein fortlaufender Prozess sein muss. Wer innovieren und sich verbessern möchte, muss neugierig bleiben.

PM – Wie hat sich Ihre berufliche Laufbahn entwickelt?
AA – Vor mehr als zwanzig Jahren begann ich im Büro Starkel in Triest und arbeitete überwiegend an Segelyachten. Es war eine wichtige Schule, weil ich dort die Bedeutung von Leichtbau, Materialien und Gewichtsoptimierung gelernt habe. In dieser Zeit war ich auch am Projekt der Maxi Dolphin 51 Power beteiligt, einem der ersten Boote überhaupt mit IPS-Antrieb.
Später wechselte ich zu Fincantieri, um am Aufbau der Mega-Yacht-Division in La Spezia mitzuwirken. Diese Erfahrung war entscheidend, um industrielle Organisation, Prozesse und Methoden kennenzulernen. Im Wesentlichen hatte ich die Möglichkeit, zwei komplementäre Ansätze zu vereinen: Produkteffizienz und Prozesseffizienz.
PM – Ist aus dieser Erfahrung Navalhead entstanden?
AA – Ja. Navalhead wurde 2010 mit genau diesem Ziel gegründet. Der Name steht als Akronym für Hydrodynamics Engineering Advanced Design. Die Idee war, eine Struktur zu schaffen, die technologisch anspruchsvolle Projekte bearbeiten kann und dabei Innovation sowie die praktische Umsetzung der entwickelten Lösungen in den Mittelpunkt stellt. Heute wurden rund 300 Boote auf Basis unserer Arbeit gebaut, und wir sind fast ausschließlich im Yacht- und Superyachtsektor tätig.
PM – Womit beschäftigt sich Navalhead heute?
AA – Wir betreuen die gesamte Basisentwicklung einer Yacht. Unser Tätigkeitsbereich reicht vom Rumpf über Antrieb, Manövrierfähigkeit, Stabilität, Strukturen, technische Systeme und Maschinenräume. Für einige Kunden übernehmen wir zudem die Detailkonstruktion und das Projektmanagement. Unser Ziel ist es, ein Projekt während seines gesamten Entwicklungsprozesses zu begleiten.
PM – Mit welchen Werften arbeiten Sie derzeit hauptsächlich zusammen?
AA – Wir arbeiten vor allem mit Ocean Alexander, Tankoa, Azimut, Benetti, Cantiere delle Marche, Palumbo und der Next Yacht Group zusammen. Im Laufe der Jahre haben wir außerdem mit zahlreichen weiteren bedeutenden Unternehmen der Branche kooperiert.
PM – Ocean Alexander hat Ihnen die Möglichkeit gegeben, das asiatische Industriemodell direkt kennenzulernen. Welche Unterschiede haben Sie im Vergleich zu Italien festgestellt?
AA – Die Unterschiede sind erheblich. Ocean Alexander ist ein stark integriertes Unternehmen, das einen großen Teil seiner Fertigung intern durchführt. In Italien basiert die Yachtindustrie dagegen auf einem Netzwerk hochspezialisierter Unternehmen, die entlang der gesamten Lieferkette zusammenarbeiten.
Die taiwanesischen Arbeitskräfte sind sehr organisiert, präzise und effizient. Es wäre für sie jedoch schwierig, das italienische Produktionsmodell zu übernehmen – das käme einer Revolution gleich. Wenn völlig neue Prozesse eingeführt werden, kann die Anpassung sehr komplex sein. In Italien verfügen wir über größere Flexibilität und eine stärkere Fähigkeit, alternative Lösungen zu finden. Würde man allerdings die italienische Kreativität mit der asiatischen operativen Disziplin verbinden, entstünde vermutlich ein äußerst wettbewerbsfähiges Industriemodell.

PM – Oft heißt es, die Yachtindustrie sei weniger innovativ als andere Industriezweige. Stimmen Sie dem zu?
AA – Teilweise ja. Der Yachtsport übernimmt häufig Innovationen aus der Luft- und Raumfahrt, der Automobilindustrie oder der Handelsschifffahrt. Das ist eine natürliche Folge der Größe des Sektors und seiner Prioritäten. Eine Yacht wird nicht gebaut, um eine Grundfunktion zu erfüllen, sondern um ein exklusives Nutzungserlebnis zu bieten. Dadurch wird es schwieriger, radikale Innovationen einzuführen. Die Herausforderung besteht darin, Innovationen für Eigner greifbar und nützlich zu machen und zu zeigen, wie sie Komfort, Sicherheit oder Effizienz verbessern können.
PM – Welche Bedeutung hat Komfort heute bei der Konstruktion einer Yacht?
AA – Eine sehr große. Wir verwenden Parameter aus der Handelsschifffahrt wie den Motion Sickness Index und den Motion Interruption Index. Der erste misst die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person an Bord seekrank wird, während der zweite bewertet, inwieweit die Bewegungen des Schiffes normale Tätigkeiten an Bord beeinträchtigen. Diese Instrumente ermöglichen es, komfortablere und besser nutzbare Yachten für Gäste und Crew zu entwickeln.
PM – Wie sehr hat sich die Arbeit des Ingenieurs durch CFD verändert?
AA – Grundlegend. Die numerische Strömungssimulation ermöglicht heute Genauigkeiten, die mit Schleppversuchen vergleichbar sind, jedoch bei deutlich geringeren Kosten und kürzeren Entwicklungszeiten. Sobald das digitale Modell erstellt ist, können wir eine große Zahl von Varianten schnell analysieren und auch bestehende Projekte optimieren.
PM – Wie stark beeinflussen moderne Designtrends wie große Glasflächen, absenkbare Terrassen und immer offenere Beach Clubs Ihre Arbeit?
AA – Sie gehören zu den komplexesten Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind. Jedes bewegliche Element bringt neue Variablen und potenzielle Schwachstellen mit sich. Deshalb führen wir dynamische Struktursimulationen durch, die die tatsächlichen Einsatzbedingungen einer Yacht über viele Jahre hinweg möglichst realitätsnah nachbilden.
Es reicht nicht aus zu überprüfen, ob ein System während der Erprobung funktioniert. Man muss verstehen, wie es sich nach Hunderten oder sogar Tausenden von Öffnungs- und Schließzyklen sowie unter anspruchsvollen Wetter- und Seebedingungen verhält. Es ist ein Unterschied, ob ein Tor im Trockendock getestet wird oder ob dieselbe Funktionalität auf See bei Wellen und Wind gewährleistet sein muss. Alles muss unter Berücksichtigung von Verformungen, Ausdehnungen und den korrekten Toleranzen konstruiert werden.
PM – Wie wichtig ist direkte Navigationserfahrung für die Konstruktion?
AA – Sie ist unverzichtbar. Deshalb beschäftigen wir in unserem Team Menschen, die in Werften gearbeitet oder beruflich zur See gefahren sind. Wer nicht versteht, wie ein Boot tatsächlich genutzt wird, kann nur schwer wirksame Lösungen entwickeln. Theoretisches Wissen muss immer durch praktische Erfahrung ergänzt werden.
PM – Moderne Yachten werden immer größer und voluminöser. Welche Auswirkungen hat dieser Trend auf die Konstruktion?
AA – Enorme Auswirkungen. Der Markt verlangt immer größere Räume, was zwangsläufig zu breiteren Yachten mit größerem Innenvolumen führt. Die Herausforderung besteht darin, trotz dieser Eigenschaften hohe Standards bei Stabilität, Komfort und Seeverhalten aufrechtzuerhalten. Das ist einer der komplexesten Aspekte der heutigen Yachtkonstruktion.
PM – Auch die Einführung von SCR-Systemen und Tier-III-Vorschriften verändert die Gestaltung von Maschinenräumen grundlegend.
AA – Absolut. SCR-Systeme benötigen erheblichen Platz und erzwingen eine vollständige Überarbeitung der Maschinenraumarchitektur. In vielen Fällen entspricht ihr Platzbedarf nahezu dem der Motoren selbst, was erhebliche Auswirkungen auf die Raumaufteilung an Bord hat.
PM – Über Nachhaltigkeit wird in der Yachtbranche viel gesprochen. Wie stehen Sie zu diesem Thema?
AA – Ich bin der Ansicht, dass man das Thema mit großem Realismus angehen muss. Der Yachtsport kann sich in vielen Bereichen deutlich verbessern: Produktionsprozesse, Energieeffizienz, Materialien und Verbrauch. Eine Yacht jedoch als wirklich nachhaltiges Produkt zu bezeichnen, wäre möglicherweise eine Vereinfachung. Wir sprechen von komplexen Objekten, die aus großen Mengen an Materialien bestehen und erhebliche Massen bewegen.
Deshalb halte ich die Gewichtsreduzierung für den wirksamsten Hebel, den wir zur Verfügung haben. Eine leichtere Yacht benötigt weniger Material für den Bau, weniger Energie für den Betrieb und weniger Ressourcen für die Entsorgung am Ende ihres Lebenszyklus. Leichtbau bleibt aus meiner Sicht der konkreteste Ansatz, um die Nachhaltigkeit des gesamten Lebenszyklus einer Yacht zu verbessern.
PM – Was ist der wichtigste Mehrwert, den Navalhead seinen Kunden bietet?
AA – Ein tiefes Verständnis des Produkts. Unsere Aufgabe besteht nicht nur darin, ein technisch korrektes Projekt zu entwickeln, sondern Werften, Designer und Eigner zu einer Lösung zu führen, die langfristig funktioniert. Wir versuchen, eine Idee in eine zuverlässige, sichere und nutzbare Yacht zu verwandeln. Das ist der Grund, warum viele unserer Kunden seit Jahren mit uns zusammenarbeiten.
Von den ersten Erfahrungen mit Segelyachten bis hin zu großen internationalen Projekten spiegelt Andrea Agrustas Werdegang die Entwicklung eines Berufsbildes wider, das an der Schnittstelle von Forschung, Industrie und Navigation tätig ist. Eine Sichtweise, in der Technologie kein Selbstzweck ist, sondern ein Instrument, um bessere, effizientere und vor allem besser auf die tatsächliche Nutzung abgestimmte Boote zu schaffen.
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