Der Refit-Standort von Lusben in Viareggio
Lusben, 70 Jahre Yacht-Refit: von Viareggio zum Ausbau des Standorts Livorno
Siebzig Jahre sind ein Alter, das in der italienischen Industrie Respekt verdient. Nur wenige Unternehmen erreichen diesen Meilenstein mit einer weiterhin klaren Identität, einem wachsenden Markt und einem konkreten Entwicklungsplan. Lusben ist genau dies gelungen und hat dabei einen Weg eingeschlagen, der ebenso viel über das Unternehmen selbst wie über die gesamte italienische Yachtindustrie erzählt.
1956 gründeten Luschi und Benelli in Viareggio die Lusben Craft. Die toskanische Stadt befand sich damals in einer ihrer bedeutendsten Entwicklungsphasen: Arbeitsboote machten zunehmend Freizeityachten Platz, und aus einem Hafen von Fischern und traditionellen Bootsbauern entstand eines der aufstrebenden Zentren des internationalen Yachtsports. In diesem Umfeld war Benetti bereits aktiv und baute große Yachten, die den Ruf der italienischen Yachtindustrie über die Landesgrenzen hinaus bekannt machten.
Lusben entstand in diesem Ökosystem, übernahm dessen handwerkliche und industrielle Kultur und entschied sich von Anfang an für eine Spezialisierung, die damals alles andere als selbstverständlich war: Refit als strukturierter Prozess und nicht als reine Reparaturmaßnahme. Dieser Unterschied ist wesentlich. Wartung und Refit als geplante, organisierte und qualitätsorientierte Aktivitäten zu verstehen, bedeutete, eine Erkenntnis vorwegzunehmen, die heute fest im Markt verankert ist: Eine Yacht endet nicht in der Werft – sie kehrt dorthin zurück. Und wie sie zurückkehrt, macht den Unterschied.
Einen entscheidenden Entwicklungsschritt machte das Unternehmen Anfang der 2000er Jahre, als Paolo Vitelli – Gründer von Azimut|Benetti, seit 25 Jahren Marktführer im Bau von Yachten über 24 Meter – Lusben in die Gruppe integrierte. Es handelte sich nicht um eine gewöhnliche Übernahme. Vielmehr war es die Anerkennung, dass Refit ein integraler Bestandteil der industriellen Wertschöpfungskette ist, komplementär zum Neubau und wesentlich für eine langfristige Beziehung zum Eigner. Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich Lusben als eigenständige Division und nicht als bloßer Unternehmensbereich.
Heute ist das Unternehmen an drei Standorten tätig – Livorno, Viareggio und Varazze – und verfügt über Kapazitäten für Yachten von 30 bis über 100 Metern Länge. Jeder Standort besitzt seine eigene Spezialisierung: Varazze konzentriert sich auf kleinere und mittelgroße Einheiten, Viareggio betreut den Bereich zwischen 40 und 55 Metern und bereitet sich mit der Installation eines 720-Tonnen-Travelifts auf weiteres Wachstum vor, während Livorno zum Zentrum für große Refit-Projekte geworden ist.
Die Werft in Livorno, die 2004 übernommen und schrittweise zu einem Hub für komplexe Arbeiten an Yachten ab 50 Metern ausgebaut wurde, steht heute im Mittelpunkt des bedeutendsten Investitionsprogramms des Unternehmens. Rund 12 Millionen Euro wurden in Docks, Arbeitsflächen und Logistik investiert. Eine weitere Investitionsphase wird in Kürze beginnen und neue Bereiche für Besatzungen sowie den Ausbau der Infrastruktur in der Darsena Morosini umfassen.
Die Dimensionen der Anlage sind beachtlich: 220.000 Quadratmeter Werft- und Wasserfläche, ein 180 Meter langes Schwimmdock mit einer Tragfähigkeit von bis zu 18.000 Tonnen sowie Laserscanner und 3D-Modellierungssysteme zur präzisen Planung und Steuerung der Arbeiten.
Zwei Projekte verdeutlichen die Komplexität der Arbeiten auf diesem Niveau besonders anschaulich: die Verlängerung des Rumpfes der Motoryacht Masquenada – ein anspruchsvolles maritimes Ingenieurprojekt – sowie das Refit der Benetti Alfa, bei dem Lackierung, technische Anlagen und Innenausstattung einer vergleichsweise jungen Yacht vollständig erneuert wurden. Es handelt sich dabei nicht um gewöhnliche Wartungsarbeiten, sondern um echte Regeneration. Ein weiterer Bereich, auf den Lusben verstärkt setzt, sind Segelyachten. Dieses Segment war im Refit-Markt lange weniger präsent, verzeichnet heute jedoch ein starkes Wachstum. In Livorno wurde eigens eine Keel Pit geschaffen, die Segelyachten mit tiefen oder schwenkbaren Kielen von bis zu etwa sieben Metern aufnehmen kann. Die dort tätigen Fachkräfte verfügen über technische Kompetenzen, die über viele Jahre aufgebaut wurden.
Das Arbeitspensum des Unternehmens spricht für sich: Rund 80 Projekte pro Jahr werden zwischen Livorno und Viareggio abgewickelt. Diese verteilen sich inzwischen über das gesamte Jahr und sind nicht mehr auf die traditionelle Saisonalität konzentriert, da Eigner ihre Refit-Programme zunehmend global planen und mit ihren Fahrtrevieren in unterschiedlichen Regionen der Welt koordinieren.
Auch die Marktentwicklung unterstützt diesen Trend. Die weltweite Yachtflotte wächst, die Einheiten bleiben länger in Betrieb, und zwischen 2026 und 2027 wird eine Welle von Fünfjahres-Klassenerneuerungen erwartet. Viele Eigner werden diese Gelegenheit nutzen, um weit über die regulatorischen Anforderungen hinauszugehen und technologische, technische sowie gestalterische Modernisierungen vorzunehmen.
In einem Mittelmeerraum, in dem Standorte wie Barcelona und Palma ihre Position im Refit-Sektor zunehmend aggressiv ausbauen, setzt Lusben auf ein Modell der direkten Prozesskontrolle. Statt auf eine Fragmentierung zwischen unabhängigen Dienstleistern zu vertrauen, koordiniert das Unternehmen sämtliche Arbeiten zentral, verfügt über eine eigene technische Abteilung, arbeitet mit dem Benetti Style Department und Yachtique bei architektonischen Aspekten zusammen und beschäftigt spezialisierte Mitarbeiter für Qualitätskontrolle und Projektüberwachung.
Dennoch bleibt eine Herausforderung bestehen, die Lusben mit der gesamten Branche teilt: die Gewinnung qualifizierter Fachkräfte. Tischler, Schweißer, Elektriker und Rohrleitungsbauer sind zunehmend schwer zu finden, und die italienische Werftindustrie läuft Gefahr, einen Teil jenes Fachwissens zu verlieren, das ihre Geschichte geprägt hat. Dieses Problem lässt sich nicht allein durch Investitionen in Infrastruktur lösen. Es erfordert eine engere Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, technischen Schulen und Einrichtungen der beruflichen Ausbildung.
Gleichzeitig baut Lusben seine Marktpräsenz in Kundennähe weiter aus. Ein Sales Point in Antibes ist bereits in Betrieb, ein neues Büro in Genua befindet sich in Planung, und die Teilnahme an den wichtigsten internationalen Veranstaltungen – vom Monaco Yacht Show bis zum Cannes Yachting Festival – trägt dazu bei, die Sichtbarkeit der Marke in den relevanten Märkten zu stärken.
Siebzig Jahre nach der Gründung der ersten Werkstatt in Viareggio wirkt Lusben nicht wie ein Unternehmen, das sein Jubiläum mit einem Blick in die Vergangenheit feiert. Es feiert vielmehr, weil es genau weiß, wohin die Reise geht.
©PressMare - Alle Rechte vorbehalten
