The Italian Sea Group, Marina di Carrara
The Italian Sea Group: Die Krise sucht einen Ausweg
Die Nachrichten über The Italian Sea Group folgen inzwischen beinahe täglich aufeinander. Daher wird es notwendig, regelmäßig innezuhalten und den aktuellen Stand einer Entwicklung zusammenzufassen, die sich weiterhin mit großer Geschwindigkeit verändert. Es geht längst nicht mehr nur um die Krise eines der bedeutendsten italienischen Superyacht-Hersteller, sondern um eine Entwicklung, die die gesamte industrielle Wertschöpfungskette sowie die Glaubwürdigkeit des italienischen Yachtbaus betrifft – einer Branche, die ihre weltweite Spitzenposition im Bau von Yachten über 24 Meter weiterhin behauptet. Nach dem Rücktritt von Giovanni Costantino und seines Sohnes Gianmaria, der zur Auflösung des Verwaltungsrats des von ihnen gegründeten Unternehmens führte, sind in den vergangenen 24 Stunden weitere Entwicklungen bekannt geworden, die die Zukunft der Gruppe beeinflussen könnten.
Der jüngste Schritt betrifft die Unternehmensführung. The Italian Sea Group gab den unwiderruflichen Rücktritt des Verwaltungsratsmitglieds Pietro Smeriglio bekannt, eines geschäftsführenden und nicht unabhängigen Directors. Smeriglio erklärte, dass seine Entscheidung zwar erst jetzt offiziell bekannt gegeben worden sei, jedoch zeitgleich mit den Rücktritten von Giovanni und Gianmaria Costantino getroffen worden war, da auch er Vertreter des Mehrheitsaktionärs war. Mit diesem letzten Rücktritt ist die Auflösung des gesamten Verwaltungsrats nun formell vollzogen. Smeriglio wird dem Unternehmen allerdings weiterhin als Berater zur Verfügung stehen. Der nächste entscheidende Termin ist die für den 11. September einberufene Hauptversammlung, auf der der Jahresabschluss 2025 verabschiedet sowie ein neuer Verwaltungsrat und ein neues Kontrollorgan gewählt werden sollen – ein grundlegender Schritt, um den in den vergangenen Monaten eingeleiteten Restrukturierungsprozess fortzuführen.
Parallel dazu richtet sich das Interesse des Marktes zunehmend auf die industriellen Vermögenswerte der Gruppe. Nachdem Giovanni Costantino in einem kürzlich PressMare gegebenen Interview bestätigt hatte, dass bestimmte Unternehmenswerte veräußert beziehungsweise aufgewertet werden sollen, um die Bankverschuldung zu reduzieren, richtet sich das Augenmerk insbesondere auf die ehemalige Picchiotti-Werft in La Spezia. Für diese Anlage sind bereits erste Interessensbekundungen einiger führender Unternehmen der Branche bekannt geworden. Das Areal – die ehemalige Werft Cantieri Navali Beconcini, die TISG Ende 2021 zusammen mit der Marke Perini Navi übernommen hatte – verfügt über 32.000 Quadratmeter Werftflächen und Hallen direkt am Wasser. Es befindet sich im sogenannten „Miglio Blu“, einem der weltweit bedeutendsten Cluster für den Bau von Superyachten, und stellt damit einen strategisch wichtigen Produktionsstandort dar, der für mehrere bereits in der Region tätige Werften attraktiv sein könnte. Diese Möglichkeit bestätigte Azimut|Benetti-Präsidentin Giovanna Vitelli gegenüber der Tageszeitung la Repubblica. Sie erklärte, ihre Unternehmensgruppe sei bereit, „unter den richtigen Voraussetzungen“ den Erwerb einzelner Vermögenswerte zu prüfen. Eine vorsichtige Aussage, die jedoch ausreichte, um die Erwartungen der Investoren zu stärken und den Aktienkurs von The Italian Sea Group in den vergangenen Handelstagen deutlich steigen zu lassen, auch wenn die Aktie seit Jahresbeginn weiterhin mehr als 70 Prozent an Wert verloren hat. Neben Azimut|Benetti werden auch Sanlorenzo, Baglietto und Ferretti Group als mögliche Interessenten genannt; darüber hinaus wird vereinzelt auch über ein mögliches Interesse von Fincantieri spekuliert. Alle diese Unternehmen kennen den industriellen Wert des Standorts La Spezia sehr genau. Zum jetzigen Zeitpunkt handelt es sich jedoch ausschließlich um Marktgerüchte und Einschätzungen – offizielle Verhandlungen wurden bislang nicht aufgenommen.
Das Interesse an diesen Vermögenswerten erklärt sich auch aus der finanziellen Lage der Gruppe. Die Bankverschuldung von The Italian Sea Group beläuft sich auf mehr als 154 Millionen Euro. Nachdem der Versuch einer außergerichtlichen Sanierung gescheitert war, hat das Unternehmen einen Antrag auf Zugang zu den im italienischen Unternehmenskrisen- und Insolvenzrecht vorgesehenen Restrukturierungsinstrumenten gestellt – das sogenannte concordato in bianco. Während der Hauptversammlung wurde außerdem daran erinnert, dass der Verwaltungsrat bereits am 18. Februar erhebliche Kostenüberschreitungen bei der Mehrzahl der laufenden Neubauprojekte festgestellt hatte, was zu einer deutlichen Verschlechterung der Liquiditätslage führte. In der Folge wurde KPMG mit einer unabhängigen forensischen Due-Diligence-Prüfung beauftragt und Strafanzeige gegen mehrere ehemalige Top-Manager erstattet. Nach Angaben des Unternehmens wurde diese Untersuchung erst in den vergangenen Tagen abgeschlossen.
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Krise. Aus dem Jahresabschluss zum 31. Dezember 2025 geht ein Jahresfehlbetrag von 163,8 Millionen Euro sowie ein negatives Eigenkapital von 382,5 Millionen Euro hervor. Damit liegt der Tatbestand des Artikels 2447 des italienischen Zivilgesetzbuches vor, da das Gesellschaftskapital vollständig aufgezehrt wurde. Die zum 30. April 2026 aktualisierte Vermögenslage zeigt eine weitere Verschlechterung mit einem negativen Eigenkapital von mehr als 399 Millionen Euro. Mit diesen Zahlen wird sich der neue Verwaltungsrat auseinandersetzen müssen. Seine Aufgabe wird es nicht nur sein, den für September erwarteten Restrukturierungsplan auszuarbeiten, sondern auch die industriellen und finanziellen Lösungen zu finden, die den Fortbestand des Unternehmens sichern können.
Unterdessen verfolgt die gesamte Branche die Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit. Die Krise von The Italian Sea Group spielt sich in einem Umfeld ab, in dem die italienische Yachtindustrie insgesamt weiterhin solide Ergebnisse erzielt und ihre weltweite Führungsposition im Bau von Superyachten behauptet. Gerade deshalb ist die Situation des Unternehmens aus Marina di Carrara besonders sensibel: Ein möglicher Verlust industriellen Know-hows, qualifizierter Fachkräfte und Produktionskapazitäten würde nicht nur das Unternehmen selbst treffen, sondern eine gesamte Wertschöpfungskette, die ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Jahren auf Qualität, Zuverlässigkeit und ihre Fähigkeit aufgebaut hat, Eigner aus aller Welt anzuziehen.
Der heutige Tag könnte einen weiteren entscheidenden Moment für die italienische Yachtbauindustrie markieren. Das Gericht in Bologna wird voraussichtlich über den von KKCG eingereichten Rechtsbehelf gegen einige Beschlüsse der Hauptversammlung der Ferretti Group vom vergangenen Mai entscheiden. Auch wenn dieser Fall unabhängig von der Situation bei The Italian Sea Group ist, zeichnet er – zusammen mit der Krise der Werft in Marina di Carrara – das Bild einer Branche, die in eine Phase tiefgreifender Neuordnung eingetreten ist. Ging es bis vor wenigen Jahren vor allem darum, zu wachsen und neue Märkte zu erschließen, steht heute eine andere Herausforderung im Mittelpunkt: die industriellen, finanziellen und beschäftigungspolitischen Gleichgewichte zu bewahren, die Italien zur weltweiten Führungsnation im Bau von Superyachten gemacht haben.
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