Yachting in China: Vom Potenzial zum realen Markt – was sich verändert
Yachting in China: Vom Potenzial zum realen Markt – was sich verändert
Seit Jahren gilt China als einer der Märkte mit dem größten Potenzial für die internationale Yachtbranche. Die Erwartungen haben sich jedoch nicht immer in den Zahlen niedergeschlagen, die sich die westliche Industrie erhofft hatte. Heute könnte sich etwas ändern.
Eine neue Generation chinesischer Unternehmer wächst in Bereichen wie künstliche Intelligenz, neue Energien, Elektromobilität, fortschrittliche Werkstoffe und Luft- und Raumfahrt heran. Diese Unternehmen und Unternehmer sind zunehmend international ausgerichtet, reisen viel und sind immer stärker mit dem westlichen Lebensstil vertraut.
Gleichzeitig wird Chinas Rolle in der internationalen Yachtindustrie breiter: Die heimischen Werften entwickeln sich weiter, die regionale Vernetzung verbessert sich und chinesisches Kapital ist zunehmend im globalen Yachting-Ökosystem präsent.
PressMare sprach darüber auf dem Cannes Yachting Festival mit Ronnie Wang, Senior Consultant & Director of International Business bei Hainan Yaqing International Clear Water Bay Marina und Deputy Secretary der Sanya Cruises and Yachts Association.
Ausgangspunkt ist eine einfache Frage: Kann diese neue Generation China endlich zu einem der wichtigsten Yachtmärkte der Welt machen?
PM- Viele Jahre lang hat die Yachtindustrie China als den nächsten großen Markt betrachtet. Ist diese Perspektive heute noch realistisch und verändert sich vor allem das Profil des potenziellen chinesischen Yachteigners?
RW: Ich glaube, dass die Bedingungen heute andere sind als in der Vergangenheit. In China erleben wir den Aufstieg einer neuen Generation von Unternehmern und Unternehmen, insbesondere in technologieorientierten Bereichen: künstliche Intelligenz, neue Energien, fortschrittliche Werkstoffe, Elektrofahrzeuge und Luft- und Raumfahrt. Viele dieser Unternehmer sind international ausgerichtet und reisen häufig außerhalb Chinas.
In der Vergangenheit hatten viele sehr vermögende Kunden ihr Vermögen in traditionelleren Branchen aufgebaut. Heute sehen wir jüngere Unternehmer aus technologie- und innovationsgetriebenen Bereichen. Sie verfügen über internationale Erfahrung und sind mit europäischen und amerikanischen Lebensstilen vertrauter. Das kann auch ihre Beziehung zum Yachting verändern.
PM- Finanzielle Möglichkeiten allein reichen jedoch nicht aus, um einen Markt zu schaffen. Was fehlt noch und welche Rolle kann Charter dabei spielen, neue Kunden an das Yachting heranzuführen?
RW: Wir dürfen Yachting nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Yachtverkaufs betrachten. Wir müssen ein Ökosystem aufbauen. Wir brauchen Marinas, Dienstleistungen, Wartung, Charterangebote, Destinationen, Ausbildung und vor allem eine Kultur der tatsächlichen Nutzung von Yachten.
Charter ist sehr wichtig, weil Menschen dadurch Yachting erleben können, bevor sie eine Yacht kaufen. Für viele neue Kunden ist dies der erste Kontakt mit diesem Lebensstil. Sie können herausfinden, welche Art von Yacht sie bevorzugen, wie sie sie nutzen möchten und welche Destinationen sie besuchen wollen. Es gibt auch Kunden, die sich für Charteryachten zwischen 30 und 50 Metern interessieren. So können sie das Produkt und den Lebensstil unmittelbar erleben, bevor sie eine Kaufentscheidung treffen.
PM- Nutzt ein chinesischer Kunde eine Yacht auf die gleiche Weise wie ein europäischer Kunde? Und können diese kulturellen Unterschiede auch das Design und Layout einer Yacht beeinflussen?
RW: Nicht unbedingt. Es gibt bedeutende kulturelle Unterschiede. In Asien ist beispielsweise Day Boating sehr verbreitet. Viele Kunden nutzen ihre Boote tagsüber und kehren am Abend zurück. Das beeinflusst auch die Wahrnehmung der Räume an Bord.
Große Bereiche für das gesellschaftliche Zusammensein sind besonders wichtig. Asiatische Kunden verbringen gerne Zeit mit Familie, Freunden oder Geschäftspartnern. Daher können große, geschützte Cockpits, Loungebereiche und großzügige Flybridges eine besondere Bedeutung haben.
Das Produkt muss sich deshalb an die tatsächliche Nutzung anpassen. Ein interessantes Beispiel war eine Yacht, bei der die vordere Kabine in einen großen Essbereich für etwa zehn Personen umgewandelt wurde. Für diesen Kunden war dieser Raum wertvoller als eine zusätzliche Kabine.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, völlig andere Yachten zu entwerfen. Entscheidend ist vielmehr, die lokalen Anforderungen zu verstehen. Wir können nicht einfach ein für Europa entwickeltes Produkt übernehmen und erwarten, dass es in Asien auf genau die gleiche Weise funktioniert.

PM- Wie wichtig ist Technologie für diese neue Generation von Kunden? Und könnte China nicht nur ein Markt für westliche Yachten werden, sondern auch technologisch und industriell eine wichtige Rolle in der internationalen Yachtbranche spielen?
RW: Technologie ist äußerst wichtig. China ist heute in zahlreichen technologischen Bereichen sehr weit entwickelt, und neue Kunden sind es gewohnt, in ihrem Alltag hochentwickelte digitale Systeme zu nutzen.
Intelligente Bordsysteme, Navigation, Autopilot, Energiemanagement und elektrische Antriebe sind einige Beispiele. Kunden erwarten zunehmend, dass eine Yacht einfach zu bedienen und technologisch hoch integriert ist.
China verfügt außerdem über eine äußerst entwickelte Lieferkette in zahlreichen Bereichen, darunter Batterien, Elektronik, Elektrofahrzeuge, digitale Systeme und fortschrittliche Werkstoffe. Einige dieser Kompetenzen können auf die Yachtindustrie übertragen werden.
Auch die chinesischen Werften entwickeln sich schnell weiter. Verbesserungen bei Qualität, Design und Preis-Leistungs-Verhältnis tragen dazu bei, dass in China gebaute Yachten international zunehmend Anerkennung finden. In Cannes erhielten Marken wie Heysea, NYX, OceanWalker, GranOcean, Kingship, Lannika und das neu gegründete Unternehmen Trueline positive Rückmeldungen vom internationalen Markt.
Viele chinesische Hersteller arbeiten heute mit renommierten europäischen Designern und Schiffsarchitekten zusammen und stoßen gleichzeitig auf wachsendes Interesse internationaler Händler, die nach neuen wettbewerbsfähigen Produkten suchen.
Dadurch entstehen auch Möglichkeiten für eine engere Zusammenarbeit zwischen westlichen Werften und chinesischen Unternehmen. Europa verfügt über außergewöhnliche Kompetenzen im Yachtbau, Design, Branding und Handwerk, während China starke Fähigkeiten in Technologie und industrieller Produktion einbringen kann. Die Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Welten könnte neue Chancen eröffnen.
PM- Welche Rolle kann Hainan in diesem Szenario spielen und wie wichtig ist Hongkong für eine stärkere regionale Vernetzung?
RW: Hainan kann zu einer wichtigen Plattform werden. Ziel ist es nicht nur, eine lokale Destination zu schaffen, sondern sie mit anderen Märkten und Destinationen im asiatisch-pazifischen Raum zu verbinden.
Hongkong spielt weiterhin eine wichtige Rolle im Yachtmarkt von Greater China. Viele chinesische Yachteigner entscheiden sich dafür, ihre Yachten in Hongkong zu stationieren, das nach wie vor eine der etabliertesten und attraktivsten Yachting-Destinationen Asiens ist.
Mit der Entwicklung des Guangdong–Hong Kong–Macao Yacht Travel Programme könnte eine größere grenzüberschreitende Mobilität von Yachten Hongkong noch stärker mit der Greater Bay Area und langfristig auch mit dem Hainan Free Trade Port verbinden. Dadurch könnte im Süden Chinas ein wesentlich stärker integriertes Fahrtenrevier entstehen.
Vietnam, Indonesien, Thailand, Singapur und Japan sind ebenfalls Märkte und Destinationen, mit denen wir Verbindungen aufbauen können. Eine Yacht muss reisen können, und ihr Eigner braucht Gründe, sie tatsächlich zu nutzen.
PM- Wäre es also zu kurz gegriffen, ausschließlich Festlandchina als Yachtmarkt zu betrachten?
RW: Genau. Wir müssen regional denken. Der asiatisch-pazifische Raum kann zu einem Netzwerk von Destinationen werden. Wenn wir Routen, Dienstleistungen und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ländern entwickeln, wird das Yachting-Erlebnis wesentlich attraktiver.
Die Entwicklung des Marktes bedeutet daher nicht einfach, die Zahl der Yachten zu erhöhen. Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass diese Yachten tatsächlich genutzt werden und sich zwischen verschiedenen Destinationen bewegen können.
PM- Chinas Beziehung zur internationalen Yachtindustrie scheint inzwischen auch über den Yachtbesitz hinauszugehen. Welche Bedeutung haben chinesisches Kapital und strategische Investitionen für diese Entwicklung?
RW: Chinesisches Kapital und Kapital aus Hongkong sind zunehmend im internationalen Yachting-Ökosystem präsent.
Richard Liu, Gründer von JD.com, hat kürzlich eine Beteiligung von 80 Prozent an Camper & Nicholsons erworben, während chinesische Investitionen weiterhin eine wichtige Rolle bei der Ferretti Group spielen.
Diese Entwicklungen zeigen, dass Chinas Beziehung zur globalen Yachtindustrie inzwischen weit über Yachtbesitz und Konsum hinausgeht und zunehmend auch Produktion, Dienstleistungen, Vertrieb und strategische Investitionen umfasst.
PM- Was sind heute die wichtigsten Hindernisse für das Wachstum und was sollte ein europäisches Unternehmen verstehen, bevor es in den chinesischen Markt eintritt?
RW: Die Regulierung bleibt einer der wichtigsten Faktoren. Wir müssen die Nutzung von Yachten, Charteraktivitäten, Reisen zwischen verschiedenen Destinationen und den Zugang zu Dienstleistungen vereinfachen. Ohne einen günstigen regulatorischen Rahmen, der internationalen Standards entspricht, ist es schwierig, das volle Potenzial des Marktes zu entwickeln.
Gleichzeitig sollte sich ein europäisches Unternehmen nicht ausschließlich auf den Verkauf einer Yacht konzentrieren. Es muss den Markt, den Kunden, die tatsächliche Nutzung der Yacht und das Ökosystem verstehen, das sich um diesen Kunden herum entwickelt. Dieser Prozess erfordert Zeit und Präsenz.

PM- Können wir also sagen, dass heute endlich die Voraussetzungen dafür vorhanden sind, dass China zu einem der wichtigsten Yachtmärkte der Welt wird?
RW: Das Potenzial ist vorhanden, aber wir müssen die Voraussetzungen schaffen, damit es sich entfalten kann. Heute haben wir eine neue Generation von Unternehmern, neue Technologien und eine wachsende internationale Öffnung. Wenn es uns gleichzeitig gelingt, Infrastruktur, Dienstleistungen, eine Yachting-Kultur und einen geeigneten regulatorischen Rahmen zu entwickeln, sind die Chancen meiner Meinung nach sehr bedeutend.
Die entscheidende Frage könnte daher nicht mehr nur lauten, wie groß Chinas wirtschaftliches Potenzial ist, sondern wie schnell es dem Yachting-Ökosystem gelingt, dieses Potenzial in einen realen Markt zu verwandeln.
Im Vergleich zu früheren Versuchen findet der Wandel heute auf mehreren Ebenen gleichzeitig statt: bei einer neuen Generation potenzieller Yachteigner, einer wachsenden heimischen Yachtindustrie, technologischen Kompetenzen, internationalen Investitionen und einer stärkeren Vernetzung der Destinationen im asiatisch-pazifischen Raum.
Für die europäische Yachtindustrie könnte China daher nicht nur einen Markt darstellen, sondern zunehmend zu einem Partner entlang der gesamten Wertschöpfungskette werden.
Ein Punkt bleibt jedoch entscheidend: Wohlstand allein schafft noch keinen Yachtmarkt. Entscheidend wird sein, das wirtschaftliche und industrielle Potenzial des Landes in Rahmenbedingungen zu übersetzen, die den Kauf, die Nutzung und das tatsächliche Erleben von Yachten einfacher machen.
Genau hier dürfte sich die nächste Entwicklungsphase des Yachtings in China entscheiden.
Filippo Ceragioli
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